Kriegsende 1945: “Angst hatte man vor allem vor der SS”

Vorarlberg / 03.05.2020 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kriegsende 1945: "Angst hatte man vor allem vor der SS"
Walter Wohlgenannt musste das eigene Heim vor der SS schützen. VN/RAUCH

Der Hatler Walter Wohlgenannt war 15 Jahre alt, als die Franzosen kamen. Die Verteidiger fürchtete man mehr als die Angreifer.

Dornbirn Dass die Franzosen nahten, war Ende April allen bewusst. Von den Franzosen selbst hatte man weniger Angst, erinnert sich Walter Wohlgenannt (90): “Wenn es die Russen gewesen wären, wäre das vielleicht auch anders gewesen.” Befürchtungen hatte man eher noch wegen der NSDAP und der SS. Schließlich drohten diese noch kurz vor dem Einmarsch, jedem das Haus anzuzünden, der eine weiße Fahne hisse. Man wusste nicht, ob Dornbirn nicht doch noch zum Kampfschauplatz wird. Und wer wusste, welche offenen Angelegenheiten die Partei noch in den letzten Stunden aus der Welt schaffen wollte?

Mit Pistole und Gewehr das eigene Heim bewacht

So bildeten sich Bürgerwehren, auch in der Nachbarschaft von Walter Wohlgenannt im Halterdorf. “Mir drückte man eine geladene Walther in die Hand, so bewachte ich gemeinsam mit dem Nachbarn in der Nacht unsere Häuser”, erinnert er sich. Benutzen musste er die Waffe glücklicherweise nicht.

Manche Sorge gab es auch wegen der Zwangsarbeiter im Land. Denn während man die Franzosen recht gut behandelte, hatten die Russen und Ukrainer im Land ein schweres Leben. “Ukrainische Mädchen hatten auf manchem Bauernhof eine schwere Zeit”, bestätigt Wohlgenannt. So mancher fürchtete nun Racheakte, und das zu recht. So hätten die Russen im Rüschwerk ihre Unterkünfte niedergebrannt und auch so mancher Bauernhof stand dieser Tage in Flammen.

Brücken vor Sprengung gerettet

Trotz aller Befürchtungen ging am 2. Mai der Einmarsch der Franzosen ruhig vonstatten. Der Bürgermeister hatte im Vorfeld mehrere geschätzte, aber der Partei nicht nahestehende Menschen zu einer Art Stadtpolizei gebeten, um für Friede und Ordnung zu sorgen. Zu dieser Stadtwache zählte auch Wohlgenannts Vater. Die Plünderung der Großmolkerei der späteren Vorarlberg Milch und der Reicharbeitslager konnten sie aber nicht verhindern. Doch schützten sie die Brücken vor der drohenden Sprengung. “Vor allem durch die Sägerbrücke liefen auch Wasser, Strom und Gas. Wäre sie gesprengt worden, wäre in Dornbirn die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen”, betont Wohlgenannt die Bedeutung der Brücken für die Stadt.

Schokolade und sich zurückziehende Soldaten

Den über die Hauptstraße einziehenden Franzosen wurde ein warmer Empfang bereitet, diese vergalten ihn mit dem Verteilen von Schokolade. Auch sonst habe man von den Marokkanern, die von den Franzosen auch nicht zimperlich behandelt wurden, während der Besatzungwenig zu befürchten gehabt. “ährend die Franzosen durch Dornbirn zogen und die ersten Parteibonzen verhafteten, zog sich die geschlagene Wehrmacht entlang der Wälder hinter dem Oberdorf und Hatlerdorf Richtung Arlberg zurück.

Die ausführlichen Schilderungen von Walter Wohlgenannt können Sie im Video anhören.

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