Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

Vorarlberg / 19.06.2020 • 22:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wer bei Google „Mohrenbräu Bier“ eingibt, bekommt vom Suchalgorithmus fein säuberlich sieben Treffer serviert. Wer „Mohrenbräu Rassismus“ sucht, erhält 25.800 Seiten ausgespuckt. Das war nie das Ziel der Vorarlberger Biermarke, aber es ist mit der Zeit trotzdem passiert. Und es wäre Mohrenbräu-Gründer Josef Mohr bestimmt sauer aufgestoßen.

Mohrenbräu kennt die Rassismusvorwürfe seit Jahren, zeigt Verständnis, erklärt stets geduldig die Herleitung des Familiennamens „Mohr“ vom Gründer – und tut dann schlussendlich herzlich wenig. Dabei geht es nicht um den Namen, sondern ausschließlich um das Logo, konkret um kolonialistische und rassistische Züge des in jeder Hinsicht aus der Zeit gefallenen Mohren-Kopfs mit dicker Lippe und lockigem Haar.

Das war 2009 so, als Bettina Fleischanderl und Manuela Meyer an der Universität Wien die 300-seitige Diplomarbeit mit dem Titel „Es ist eben mehr als nur ein Logo“ rund um Rassismus und Mohrenbräu publizierten.

Das war 2012 so, als der aus Kamerun stammende Journalist Simon Inou mit der „No Mohr“-Kampagne sogar eine Namensänderung propagierte.

Auch Edwin-Joshua Ndybisi, 2012 für den FC Dornbirn im Tor, machte über die Grenzen Vorarlbergs hinaus Schlagzeilen: nicht wegen sportlicher Erfolge, sondern weil das Mohrenbräu-Logo auf der Brust des Nigerianers prangte.

Alte Mohren-Pfiff-Bierdeckel werden immer noch im Internet versteigert, auf denen vermeintlich keck groß „Black Power“ neben einer Mohrenbräu-Flasche steht.

Obacht!

Jetzt könnte der bierselige Vorarlberger leicht in eine „Wir lassen uns unser Bier nicht nehmen“-Stimmung geraten. Obacht! Darum geht’s überhaupt nicht. Vor allem nach dem Fohrenburg-Verkauf an den Braukonzern Heineken ist Mohrenbräu die quasi letzte Bastion, das vorarlbergerischste Bier überhaupt (wenn man nicht gerade aus Frastanz oder Egg kommt).

Weder geht es um den geschichtlich herleitbaren Namen selbst noch um das Bier. Es geht um die Frage, ob es im Jahr 2020 sein muss, auf jahrhundertealte rassistische Stereotype wie die Schwulstlippen und das Kraushaar so stolz zu sein, dass man das auf jede Bierflasche druckt?

Denn es ist nicht so, dass Mohrenbräu nicht bewusst auf seinen kontroversen Mohr setzen würde. Im Mohren-Shop konnte man Plüschfiguren kaufen, mit dicken, roten Lippen. Es gab Silikonbackformen mit dem Mohren-Kopf.

Dabei wäre es so einfach, Mohrenbräu zu bleiben, exakt dasselbe Vorarlberger Bier zu brauen und genausostolz auf die fast 200-jährige Historie des Dornbirner Gerstensaftes zu sein, wie die Vorarlberger es sind. Dabei jedoch diesen Debatten elegant aus dem Weg zu gehen, indem man sich von rassistischen Stereotypen der Vergangenheit verabschiedet.

Es mag nur eine Biermarke sein, die eine dicke Lippe riskiert. Dass wir in unserem Umfeld auf oft unbeabsichtigten, unbedachten Alltagsrassismus stoßen, ist halt auch ein Faktum. Das Schöne: Wir können daraus lernen. Zum Wohl!

Gerold Riedmann

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Twitter: @gerold_rie

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.

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