Harald Walser

Kommentar

Harald Walser

Unbezahlbare Grundstücke?

Vorarlberg / 13.07.2020 • 08:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vor fünf Jahren kostete in Österreich eine 70 Quadratmeter große Neubauwohnung etwa sechs durchschnittliche Brutto-Jahresgehälter. Heute sind es bereits zehn Jahresgehälter – in Deutschland nur gut die Hälfte. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt bei 4176 Euro. Diese erschreckenden Zahlen veröffentlichte am Freitag das Beratungsunternehmen Deloitte.

„Das hat dazu geführt, dass die Schere zwischen Reich und Arm weit auseinandergegangen ist.“

Wohnungseigentum als Luxusgut? Und warum gerade in Österreich? Die Kostenexplosion bei uns hat mehrere Ursachen. Eine davon ist die Tatsache, dass Vermögen in Österreich im europäischen Vergleich extrem gering besteuert werden. Die Erbschaftssteuer wurde 2008 sogar gänzlich abgeschafft.

Das hat dazu geführt, dass die Schere zwischen Reich und Arm weit auseinandergegangen ist. Und diese Entwicklung geht weiter: Das Erbvolumen wird sich laut Stefan Humer von der Wirtschaftsuniversität Wien bei uns bis 2040 auf etwa 20 Milliarden Euro verdoppeln. Ein großer Teil dieser riesigen Summen wird auch künftig in Immobilien investiert werden.

Unbezahlbare Grundstücke?

Nicht für alle: In Vorarlberg ist es ein offenes Geheimnis, dass sich die Grundstückspreise vor allem deshalb derart dramatisch erhöht haben, weil ein gutes Duzend Superreiche ihr Geld sehr gewinnbringend in Grundstücke und andere Immobilien anlegen. Das führt zu praktisch steuerfreien gewaltigen Vermögenszuwächsen bei jenen, die schon jetzt viel haben. Den Preis dafür bezahlen de facto jene jungen Familien, die sich eine eigene Wohnung oder gar ein Einfamilienhaus nicht mehr leisten können.

Im Landtag wurde daher zu Recht darüber diskutiert, wie die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich eingedämmt werden kann. SPÖ-Abgeordnete Manuela Auer forderte eine Steuer auf hohe Erbschaften und Millionenvermögen. Daraufhin wurde gleich das Gespenst des Kommunismus an die Wand gemalt.

Zu Unrecht, wie ein paar Beispiele aus der Geschichte zeigen: Japan hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Sonderabgabe von 90 Prozent (!) für die größten Vermögen eingeführt, Deutschland einmalig eine 50-prozentige Vermögensabgabe. In den USA stiegen im Zuge der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs die Einkommenssteuern auf den Höchstsatz von 94 Prozent. Erst in den Achtzigerjahren senkte ihn Ronald Reagan dramatisch auf schließlich 28 Prozent. Die Auswirkungen – soziale Unruhen und marode Infrastruktur – kann heute jeder sehen.

Zweckbindung

Die Arbeiterkammer schlägt eine gestaffelte Vermögensabgabe von zwei Prozent ab zehn Millionen Euro und vier Prozent ab einer Milliarde vor. Betroffen wäre nur ein Prozent der Haushalte, die Einnahmen betrügen jährlich sieben Milliarden. Die Zweckbindung dieses Geldes für den Ausbau und die Sicherung des Pflegesystems wäre sinnvoll.

Eines ist sicher: Wer gegen moderate Vermögens- und Erbschaftssteuern eintritt, gefährdet mittelfristig den sozialen Frieden in Österreich. Der Kauf einer kleinen Wohnung darf nicht zur Kategorie Luxus gehören.

Harald Walser ist Historiker, ­ehemaliger Abgeordneter zum ­Nationalrat und AHS-Direktor.

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