Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Frühlingsgefühle, aber anders

Vorarlberg / 18.09.2020 • 16:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Menschen müssten es besser wissen. Erst vor sechs Monaten haben wir miterlebt, wozu der Coronalockdown führte. Die Grenzen in die Schweiz und nach Deutschland geschlossen, Gitter am Rheindamm. Isolation. Ja, auch Angst. Wir haben uns im April und Mai vorsichtigst zurückgetastet, Freunde mit großem Abstand wieder zu sehen – im Freien wenigstens. Das Virus mit Brachialgewalt niedergerungen, gesellschaftlich, wirtschaftlich einen hohen Preis bezahlt.

Dann ließen wir uns gehen.
Wie ein Mahnmal stehen Desinfektionsmittelspender stets in Reichweite, aber selbst jene an Supermarkteingängen werden nicht mehr frequentiert.

Der Alltag hat weitestgehend normale Fahrt aufgenommen. Die Maske wird von einer lauten Minderheit in Frage gestellt, die Vorsichtigen propagieren sie – aber der großen Mehrheit ist das ganze Coronatheater zunehmend egal. Man ist abgehärtet, die Sterblichkeit sinkt. Life must go on! Die Partys finden nicht in den Clubs sondern als ,Feschtle’ privat statt.

Dem Virus ist das mehr als recht, wie die Zahlen zeigen.
Die Anzahl an sozialen Kontakten haben wir nach dem Sommer nicht eingedämmt, auch in Vorarlberg nicht. Der Bezirk Dornbirn ist derweil zum unrühmlichen Hotspot in Coronafragen geworden. Anders als im Frühjahr kann weder Vorarlberg noch Österreich eine Musterschülerrolle für sich beanspruchen.

Es hat uns erwischt.
Etwas hat sich sehr wohl verändert: Bundeskanzler Sebastian Kurz muss bei Pressekonferenzen nun eingestehen, dass er mit Coronavorschriften nicht in die Wohnzimmer hineinregieren kann. Kurz kann nicht noch einmal sagen, dass “jeder jemanden kennt” und so weiter. Wie aber die Aufmerksamkeit der Masse erlangen? Mit Appellen an den Hausverstand kommt man nicht weiter und das Ampelchaos schreit auch nach schnellstmöglicher Beendigung.

Auch wenn der Bundeskanzler und Gesundheitsminister Anschober unterschiedliche Ansichten haben mögen, es gilt mit einer klaren Meinung und verbindlichen Vorschriften nach außen zu treten.

Einfache, klare Regeln und breite Kommunikation.
Die Ampel muss mit einer rechtlichen Verbindlichkeit und verlässlichen Maßnahmen ausgestattet werden. In meinem Verständnis wäre orange, wie jetzt in Bludenz und Dornbirn, die letzte Warnung vor dem lokalen Lockdown gewesen. Jetzt ist orange und keinen kümmerts.

Da passiert gerade etwas, das wir später ausbaden müssen. In zehn Tagen bei den Infektionszahlen, in 30 Tagen in den Krankenhäusern, in etwas mehr als einem Monat dann in der Sterblichkeit.
Aber weite Teile der Gesellschaft nehmen es nicht ernst genug. Hausverstand wäre wünschenswert, Eigenverantwortung ein hehres Ziel. Aber in Österreich nützt nur die alte Regel: Vorschrift ist Vorschrift. Leider.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.