“Jeder redet sich auf Corona hinaus”

Vorarlberg / 01.11.2020 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Marijana kann nicht verstehen, warum sich wegen Covid alles zieht. <span class="copyright">VN/Rauch</span>
Marijana kann nicht verstehen, warum sich wegen Covid alles zieht. VN/Rauch

Ihre siebenjährige Tochter hatte Krebs im Endstadium, doch Covid bremste sowohl Diagnose wie Behörden aus.

Schwarzach Angefangen hat alles am 17. März, mitten im Lockdown. Die Siebenjährige klagte über Bauchschmerzen, sie hatte Fieber, erbrach und hatte eine alles andere als gesunde Farbe im Gesicht. Marijana (48) versuchte den Kinderarzt zu erreichen, jedoch vergebens. Das Spital verwies sie auf die Gesundheitshotline. Diese schickte die Alleinerzieherin zum Allgemeinmediziner, wo sie gerade so einen Termin bekam. Dort stellte man hohe Entzündungswerte im Blut fest, verschrieb etwas dagegen. Dies schien schnell zu helfen, doch die Schmerzen kamen immer wieder. Marijana wusste nicht wohin. “Wo gehst da hin, wenn du einen halben Tag telefonieren musst, nur um dann keinen Termin zu bekommen”, fühlte sie sich im Stich gelassen und nicht ernst genommen: “Ich kenn doch mein Kind, ich weiß, wann sie nur ein bisschen Fieber hat und wann nicht. Wo sind wir, wenn du mit einem kranken Kind nirgendwo mehr einen Termin bekommst.”

Ende Mai bekam sie dann doch einen Termin im Spital, erst am 16. Juni kam man in Innsbruck auf die richtige Spur: Lymphdrüsenkrebs im Endstadium, weit ausgebreitet im jungen Mädchenkörper. Es folgten insgesamt 120 Tage Behandlung, während der ihr Leben auch einmal auf Messers Scheide stand. Sie hatte jedoch Glück, überstand den Krebs und ist zu Hause auf dem Weg der Genesung.

Mit der Behandlung und den Ärzten ist sie mehr als zufrieden und dankbar. Doch das Märtyrium ging abseits des Krankenbetts weiter. Nicht nur, dass sie sich fragt, ob Covid-19 eine frühere Diagnose verhindert hat – die Maßnahmen rund um die Pandemie reiche man ihr überall als Ausrede. Ihr Antrag auf Pflegegeld sei seit Juni nicht bearbeitet. “Jeder redet sich auf Corona hinaus”, egal um was es ging, sei es von der Ausstellung der notwendigen Dokumente bis zur Bearbeitung. Die Rezeptbefreiung habe sie vor zwei Wochen per Bescheid bekommen, ähnlich sei es mit den Transportkosten. “Ich würde das ja verstehen, wenn man derzeit nicht arbeiten könnte, aber es arbeiten doch alle, wenn auch zu Hause oder in Kurzarbeit”, versteht die Schwarzacherin die Welt nicht mehr. Ihre Hoffnung, dass eine Lehrerin sie im Heimunterricht unterstützt, wurden ebenfalls zerschlagen. Aufgrund von Covid ist es nicht möglich, dass eine Lehrkraft eine kranke Schülerin zu Hause besucht.

In die Schule darf die Siebenjährige frühestens im Jänner wieder, in den nächsten fünf Jahren droht immer wieder die Rückkehr des Krebs. Derweil tobt der Zorn in Marijana. Sie habe immer voller Stolz von der eigenen Arbeit gelebt, habe ihre Kinder mit zwei Teilzeitjobs großgezogen. Und zum Dank warte man nun ein halbes Jahr auf Pflegegeld und Kostenersatz – wegen Corona.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.