Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Der gesunde ­Menschenverstand

Vorarlberg / 02.11.2020 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Charly Brown meint zu seinem Hund Snoopy: „Sagt gerade ein Virologe im Fernsehen, dass die beste Waffe im Krieg gegen das Corona-Virus der gesunde Menschenverstand sei.“ Snoopy darauf: „Dann sind wir verloren, die meisten von uns sind unbewaffnet.” Dieser Cartoon ist in sozialen Netzwerken derzeit ein Hit. Wie wahr! Der Linzer Experte für Lungenheilkunde Bernd Lamprecht bringt es auf den Punkt: Das „beherzte Experiment mit der Eigenverantwortung“ könne in Österreich wie auch in anderen Teilen Europas wohl als beendet betrachtet werden, sagte er in der ZiB 2.
Der gesunde Menschenverstand hätte es geboten, drei Grundregeln zu beachten: Hände waschen, Maske tragen, Abstand halten. „Hands, face, space“ nennen es die Engländer prägnant. So aber haben wir den zweiten Lockdown, den sich niemand wünschen konnte, und der die für unser Land so lebenswichtige funktionierende Wintersaison immer unwahrscheinlicher werden lässt. Die meisten Cluster von Corona-Fällen gibt es seit Wochen in privaten Haushalten und im Bereich Freizeit. Da kam das Virus meist nicht mit dem Auto (© S. Kurz). Man hat sich daheim und beim Feiern gegenseitig angesteckt, wohl auch auf Hochzeiten mit Hunderten Gästen. Hoteliers, Restaurant-Besitzer und alle von einem Tourismus-Einbruch Betroffene, Kulturschaffende oder Sportvereine müssten jetzt laut schreien: „Danke an die Party-Tiger, Unbelehrbaren und Corona-Leugner!“ Reinhard Haller nennt sie, gerade im „Kurier“, „paranoide Menschen“. Sie haben es geschafft, dass Vorarlberg Spitze ist bei den Covid-Fallzahlen (Sieben-Tages-Inzidenz aktuell: 429 Fälle auf 100.000 Einwohner, zum Vergleich: das viel gescholtene Wien: 271). Ja, der gesunde Menschenverstand. Wo war der bei unseren Politikern, als im Sommer die Fallzahlen deutlich heruntergingen, aber jeder, der eins und eins zusammenzählen konnte, wissen musste, dass das Virus im Herbst zurückkommt. Wo war der, als unser Bundeskanzler vor zwei Monaten vom „Licht am Ende des Tunnels“ gesprochen hat, wohl wissend, dass die Realität das bald ad absurdum führen werde. Der gesunde Menschenverstand würde raten, dass die Bevölkerung strenge Einschränkungen nur mitträgt, wenn sie plausibel und transparent begründet werden. Wo ist der gesunde Menschenverstand, wenn statt eines Minimums an politischem Konsens schon wieder ein Gezeter losbricht, was denn die wirksamsten Maßnahmen seien? Die Regierung sagt: Lockdown, und das hat auch SPÖ-Vorsitzende Rendi–Wagner gefordert. Doch ihr eigener Parteifreund Doskozil hält weite Teile des Lockdowns „für nicht nachvollziehbar“. Neos und FPÖ vergreifen sich völlig in der Wortwahl, wenn Beate Meinl-Reisinger vom „Kriegsrecht“ spricht und Herbert Kickl die Ausgangssperren mit der Verhängung des Standrechts durch die Austro-Faschisten des Jahres 1934 vergleicht. Ausgerechnet Kickl.

Schulterschluss

Was wir jetzt brauchen ist ein nationaler Schulterschluss, bei dem die Regierung Opposition und Länder frühzeitig einbindet, und gemeinsame Ergebnisse von allen mitgetragen werden. Denn das Virus ist „weder rot, noch blau, noch türkis oder grün oder pink“ (Van der Bellen). Wir Bürgerinnen und Bürger sollten weniger auf jene schimpfen, die die Maßnahmen veranlassen, sondern uns selber am Riemen reißen. Zur Aufarbeitung des Krisenmanagements ist später Zeit, und wohl eine Menge zu tun. Auch wenn es noch immer nicht alle wahrhaben wollen: Das Virus bekommen wir nur mit faktenbasiertem Handeln in den Griff und nicht mit Schlendrian oder Ignoranz.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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