Eine Geschichte von Mut und Denunziation

Vorarlberg / 02.11.2020 • 15:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Michael Kasper (Montafon Museen), Autor Wolfgang Paterno und Roland Haas (künstlerischer Leiter des Kunstforums Montafon).BI
Michael Kasper (Montafon Museen), Autor Wolfgang Paterno und Roland Haas (künstlerischer Leiter des Kunstforums Montafon).BI

Buchpräsentation des Autors Wolfgang Paterno im Kulturforum Montafon.

Schruns Im Rahmen der Finissage der Wanderausstellung „Erinnern. 75 Jahre danach“ fand eine sehr berührende Lesung des Autors und Profil-Redakteurs Wolfgang Paterno zu seinem Buch „So ich noch lebe…“ im Kulturforum Montafon in Schruns statt. Im Ausstellungsraum konnten ein letztes Mal die Fotos und Geschichten von Zeitzeugen aus dem Nationalsozialismus betrachtet werden, außerdem waren zwei Bilder des Künstlers Roland Haas ausgestellt: „Durch die intensive Beschäftigung mit den Ausstellungsinhalten habe ich mit ‚Zwei Jüdinnen auf der Flucht‘ und ‚Berstender Steinmauer‘, welches auf die Situation der Zwangsarbeiter hinweist, mich auf künstlerische Weise mit der Thematik auseinandergesetzt.“

Volksverräter

Die Lesung mit Paterno bildete eine überaus passende Ergänzung zur Ausstellung. Darin schildert der Autor die Spurensuche nach einem Großvater, den er nie kennengelernt hatte. „Ich bin von einem Nullpunkt ausgegangen. In unserer Familie wurde über den Großvater nicht gesprochen. Die Verschwiegenheit gegenüber uns als Opferfamilie dauerte auch im gesellschaftlichen Kontext nach 1945 noch weiter an. Der Großvater galt in den Augen der Nationalsozialisten als ‚Volksverräter‘. Die Täter haben geschwiegen, aber auch die Opfer.“ Zuerst waren nur winzige Teile an Erinnerungsstücken vorhanden: „Ich habe immer mehr erfahren. Dabei habe ich in meiner Herangehensweise nicht so getan, als ob ich ihn gekannt hätte. Mein Vater hat ihn das letzte Mal als 7-Jähriger gesehen. Hugo war für mich eine schemenhafte Gestalt, die Opa genannt wurde.“ Paternos Spurensuche war aufwendig und geprägt von spärlichem, unpersönlichem Material wie Protokollen und Prozessakten.

Mit dem Fallbeil hingerichtet

Der Zollbeamte Hugo Paterno war ein streng gläubiger Katholik. Er wurde mehrfach Opfer von der im Nationalsozialismus so alltäglichen Praxis der Denunziation. Einer Aussage eines Arbeitskollegen gemäß habe er sich abfällig über das NS-Regime geäußert, was ihm eine Strafversetzung nach Innsbruck einbrachte. Eine weitere Denunziation trennte ihn nicht nur räumlich von seiner Familie, sondern sie kostete ihn auch das Leben. Am 7. Juli 1944 wurde er in München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. „Hugo starb nicht für Volk und Vaterland, sondern wegen Volk und Vaterland,“ betonte Wolfgang Paterno.

Sehr bewegend waren auch die Abschiedsbriefe von Gattin Maria und Hugo Paterno. Er vertraue bis zuletzt auf Gott. Zurück blieben die alleinerziehende Witwe mit vier Halbwaisen. „Geschichte sickert in die haarfeinen Ritzen des Lebens, das ist mir beim Schreiben des Buches bewusst geworden“, so Wolfgang Paterno abschließend. BI

Das Potenzial zum Bösen ist bei den Menschen immer noch vorhanden. Es ist zwar nicht so präsent, aber wir erleben derzeit einen Wandel in jeglicher Hinsicht. Monika Schändlinger, 48 Jahre, Gaschurn

Das Potenzial zum Bösen ist bei den Menschen immer noch vorhanden. Es ist zwar nicht so präsent, aber wir erleben derzeit einen Wandel in jeglicher Hinsicht. Monika Schändlinger, 48 Jahre, Gaschurn

Die Spurensuche nach dem Großvater war sehr berührend. Trotz der Dokumentation all dieser Gräuel habe ich die Sorge, dass so etwas wieder passieren könnte. Heidi Comploj, 68 Jahre, Bludenz

Die Spurensuche nach dem Großvater war sehr berührend. Trotz der Dokumentation all dieser Gräuel habe ich die Sorge, dass so etwas wieder passieren könnte. Heidi Comploj, 68 Jahre, Bludenz

Wolfgang Paterno hat seinen Großvater, aber auch die tragischen Zeitumstände sehr eindrücklich geschildert. Ich hoffe, dass sich diese Zeiten nie mehr wiederholen werden! Nicole Bauer, 43 Jahre, Schruns

Wolfgang Paterno hat seinen Großvater, aber auch die tragischen Zeitumstände sehr eindrücklich geschildert. Ich hoffe, dass sich diese Zeiten nie mehr wiederholen werden! Nicole Bauer, 43 Jahre, Schruns

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