Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ich bin kein Anderer

Vorarlberg / 02.11.2020 • 13:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Künstler, knapp über sechzig, ging zum Arzt, was er nie getan hatte und für überflüssig hielt. Er fühlte sich gut. Dann war das Klassentreffen, und was er da hörte, erstaunte und erschreckte ihn. Vier seiner ehemaligen Schulkollegen waren tot. Gehirntumor, Krebs, Sportunfall, Herzinfarkt. Er erzählte seiner Frau, und sie vereinbarte einen Arzttermin.
„Gut, geh ich eben hin“, sagte der Künstler unwillig. Der Arzt kannte ihn, man kannte ihn. In der Praxis schaute er sich um. Keines seiner Kunstwerke sah er an den Wänden.
„Was ist Ihr Problem?“, fragte der Arzt.
„Ich habe kein Problem. Einfach durchchecken.“
„Also, was ich sehe“, sagte der Arzt. „Sie essen gern, betreiben keinen Sport.“ Die Schwester nahm ihm Blut ab, vereinbarte einen neuen Termin.
„Ich esse, ich trinke, ich rauche, bin unsportlich, arbeite viel.“
Auf dem Heimweg fühlte er sich nicht wohl, er schwitzte, und er dachte, erhöhter Blutdruck, Herzinfarkt. Sein Herz pochte. So fängt das an, wäre ich nur nicht zum Arzt gegangen.
Beim zweiten Termin fühlte sich der Künstler gar nicht gut. Der Arzt sah ihm seine Unsicherheit an und beruhigte ihn. Er war emphatisch, ging die Blutwerte mit ihm durch, untersuchte seine Carotis, Plaque an der Halsschlagader, schlechte Leberwerte, Grund zur Sorge, er hörte zu, dass er dringend seinen Lebensstil ändern müsse, also Cholesterinwerte senken, auf Fett verzichten, mit dem Rauchen aufhören, mit dem Trinken aufhören. Medikamente wurden verordnet.

„Er aß zwar weniger, trank aber mehr, malte wie verrückt, trank und malte und sagte sich, ich bin kein Anderer.“

So schlecht wie nach diesem Besuch hatte sich der Künstler noch nie gefühlt. Ich werde gar nichts tun, sagte er sich. Ich will kein anderer werden, einer der Sport betreibt, nur mehr ein Drittel isst, nicht mehr raucht, nicht mehr trinkt, dann bin ich wie tot und ist wie tot nicht tot?
Er ging in sein Atelier und bespannte eine neue Leinwand, mischte Farben, malte mit heftigen Strichen. Seine Frau rief ihn an, er sagte, alles bestens, sorge dich nicht. Sie wusste, das konnte nicht stimmen, und sie rief den Arzt an, der ihr sagte, er fände es besser, würde ihr Mann von der Untersuchung berichten. Das tat er nicht.
Er aß zwar weniger, trank aber mehr, malte wie verrückt, trank und malte und sagte sich, ich bin kein Anderer. Trotzdem verfolgte ihn die Diagnose. Der Gedanke an Sport schien ihm lächerlich. Er sah sich in einem bunten Trikot joggen und wusste, das kam für ihn nicht infrage. Wenn schon, dann will ich tot umfallen. Ich bin nicht einer der vor sich hinkränkelt, ich stehe, und dann falle ich.
Jeden Tag mahnte ihn seine Frau. Er hielt es nicht mehr aus und zog ins Atelier. Dort war es kalt, aber ihm würde schon warm werden.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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