Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei

Vorarlberg / 03.11.2020 • 22:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gottesdienst im Stephansdom: Politik- und Religionsvertreter beteten für die Opfer. APA
Gottesdienst im Stephansdom: Politik- und Religionsvertreter beteten für die Opfer. APA

Festnahmen nach Attentat in Wien. IS reklamiert Anschlag für sich.

Wien Der unscheinbare Steinbrocken auf dem Boden zeugt von der blutigen Spur des Terrors. Ein Schuss hat ihn aus dem Türrahmen einer Stuckfassade am Wiener Salzgries gesprengt. Das angrenzende kleine Labyrinth von Gassen voller Kneipen, das die Wiener Bermudadreieck nennen, ist am Dienstag abgesperrt. Jeden Zugang bewachen Polizisten. Vor der Synagoge in der Seitenstettengasse nahm die Terror-Nacht von Wien am Montag ihren Ausgang. Ein Mann feuerte laut Zeugen am Montagabend gegen 20 Uhr wahllos in die Lokale, zieht danach weiter durch die Straßen. Er hat mindestens vier Menschen tödlich getroffen, 22 weitere sind teils schwer verletzt. Um 20.09 Uhr erschießt ein Polizist den Attentäter.

Bekennerschreiben

Am Dienstagabend hat die Terrormiliz Islamischer Staat den Anschlag für sich reklamiert. Ein „Soldat des Kalifats“ habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform mit. Das Innenministerium überprüft das Bekennerschreiben. Es könne noch nicht gesagt werden, ob es echt sei oder nicht.

Der Täter war für die Behörden kein Unbekannter. Der 20-jährige Kujtim F. hatte nach Angaben von Innenminister Karl Nehammer versucht, nach Syrien auszureisen, um sich dort dem IS anzuschließen. Er wurde daran gehindert und am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt, Anfang Dezember allerdings vorzeitig entlassen.

F. habe es geschafft, die Justizbehörden vor der Entlassung von seiner Deradikalisierung zu überzeugen und das entsprechende Programm brutal, perfide ausgetrickst. Der Täter hätte sich als geläutert präsentiert: „Er hat sich besonders bemüht, auch bei der Bewährungshilfe“, berichtet Nehammer. Die Frage, ob der Mann nach seiner Entlassung von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet wurde, beantwortet der Minister nicht klar. Er kündigte eine Überprüfung des Systems zum Umgang mit radikalisierten Häftlingen an. Zudem wolle das Justizministerium stärker auf Einschätzungen der Verfassungsschutzbehörden zurückgreifen, wenn es um mögliche Entlassungen von Extremisten gehe.

20.000 Videos ausgewertet

Die Behörden gehen davon aus, dass es keine weiteren Mittäter gibt. Das gehe aus den Ermittlungen und den Auswertungen von vielen der rund 20.000 Videos hervor, die von Augenzeugen eingereicht wurden. Nehammer berichtet zudem von 18 Hausdurchsuchungen im Umfeld des Täters. 14 Personen wurden vorläufig festgenommen. 

Warnung vor Spaltung

Bundeskanzler Sebastian Kurz warnte unterdessen eindringlich vor einer Spaltung der Gesellschaft. „Dies ist keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten“, sagte Kurz. Es sei vielmehr ein Kampf zwischen jenen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Der Bundeskanzler sprach von einem Anschlag aus Hass auf unser Lebensmodell und einem Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei.

„Der Täter hat sich besonders bemüht, auch bei der Bewährungshilfe.“

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