Das rät Psychiater Haller den Menschen im neuerlichen Lockdown

Vorarlberg / 03.11.2020 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Für Reinhard Haller ist das Coronavirus auch so etwas wie ein Anti-Narzissmus-Virus. <span class="copyright">VN/PAULITSCH</span>
Für Reinhard Haller ist das Coronavirus auch so etwas wie ein Anti-Narzissmus-Virus. VN/PAULITSCH

VN-Interview mit Psychiater und Psychotherapeut Prof. Reinhard Haller zur Coronakrise.

Feldkirch Die Hoffnungen, einen zweiten Lockdown abwenden zu können, haben sich zerschlagen. Ab heute, Dienstag, schränken zahlreiche Maßnahmen das Leben wieder gehörig ein. Das größte Problem sieht der renommierte Psychiater und Psychotherapeut Prof. Reinhard Haller im unbestimmten Ausgang der Krise.

Nun hat auch Österreich seinen zweiten Lockdown. Was macht das mit den Menschen?

Haller Ein zweiter Lockdown ist für keinen erfreulich. Er ist frustrierend und erdrückend. Der erste Lockdown war noch etwas Neues. Man hatte plötzlich mehr Zeit für sich, für die Familie, für Hobbys. Jetzt verkehrt sich das Ganze ins Gegenteil. Der Widerstand wächst, die Ruhe ist der Ungeduld gewichen. Es fällt den Menschen schwer, sich zu fügen. Es ist anzunehmen, dass sich die negativen Dinge noch verstärken.

Welche könnten das Ihren Erfahrungen zufolge sein?

Haller Es wird mit Sicherheit mehr Alkohol getrunken. Das heißt nicht, dass es gleich mehr Süchtige gibt, denn Sucht braucht Zeit. Das größte Problem ist jedoch, dass sich die Dauer der Krise nicht abschätzen lässt. Niemand weiß, ob der zweite Lockdown hilft oder ob es einen dritten und vierten geben wird. Dieser unbestimmte Ausgang bedeutet eine besondere Belastung. Ich glaube aber nicht, dass die großen psychischen Erkrankungen steigen, vielmehr werden depressive Zustände und Angststörungen zunehmen. Gleiches gilt für psychosomatische Leiden, also Erkrankungen, bei denen sich seelischer in körperlichem Schmerz ausdrückt. Meine größte Sorge ist jedoch, dass sich Menschen in diesen Situationen jetzt noch später Hilfe suchen oder es überhaupt zum Ab- oder Unterbruch von Therapien kommt.

Im Zusammenhang mit der Jugend wird häufig schon von einer verlorenen Generation gesprochen. Wie sehen Sie das?

Haller Natürlich ist es für die Jugend schwierig, aber sie ist nicht so weich, wie viele vielleicht denken. Sie kann etwas aushalten. Es sollte ihr auch vermittelt werden, dass wir die erste Generation sind, die noch keine großen Katastrophen wie Kriege oder Seuchen mitgemacht hat, und den Jungen trotz Einschränkungen immer noch sehr viele Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die haben viele alte Menschen nicht. Junge Leute sollten sich auch vor Augen halten, dass sie ihr Leben noch vor sich haben und jede Krise vorbeigeht, über kurz oder lang.

Wie zuversichtlich sind Sie persönlich, dass es bald ein therapeutisches Mittel gegen Corona gibt?

Haller Sehr zuversichtlich.

Was können Sie den Menschen allgemein mit auf den Weg in den zweiten Lockdown geben?

Haller Sie sollen den Blick auf die positiven Dinge nicht verlieren. Gleichzeitig lernen wir, dass unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen. So gesehen ist das Coronavirus sogar ein Anti-Narzissmus-Virus. Ich meine, es ist Vorsicht angebracht, aber keine Panik. Im Übrigen würde unser Biorhythmus um diese Jahreszeit auch in den Lockdown gehen.

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