So erlebten Vorarlberger in Wien die Terror-Nacht: “Wir hatten Todesangst”

Vorarlberg / 03.11.2020 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
So erlebten Vorarlberger in Wien die Terror-Nacht: "Wir hatten Todesangst"
afp

Fünf Vorarlberger in Wien berichten von der Schreckensnacht.


Wien Für Gänsehaut sorgt am Dienstag ein Handyvideo aus der Staatsoper, wo vier Mitglieder des Orchesters nach der Vorstellung die österreichische Kaiserhymne einstimmten. Die Gäste und Musiker durften das Gebäude aufgrund der Terrorattacke in Wien nämlich nicht verlassen. Auch der bekannte Vorarlberger Klarinettist Alex Ladstätter war am Montagabend im Staatsopernorchester im Dienst.

Alex Ladstätter war am Montagabend im Staatsopernorchester im Dienst.
Alex Ladstätter war am Montagabend im Staatsopernorchester im Dienst.

Die Kurzopern „Cavalleria rusticana“ und „I Pagliacci“ standen auf dem Programm. Ladstätter war erst für den zweiten Teil eingesetzt, er wollte sich noch etwas einspielen und verließ deshalb etwas früher als er müsste die Wohnung und passierte um Viertel vor acht auf dem Weg zur Oper drei der Tatorte. „Ein Kollege sagte mir, dass es wohl mein Glück war, dass ich früher gekommen bin.“ Direktor Bogdan Roscic ließ die Aufführung durchspielen, unterbrach dann aber den Schlussapplaus, um die Menschen, die alle in der Oper bleiben sollten, auf die Lage hinzuweisen. Um halb eins wurde eine U-Bahn-Garnitur bereitgestellt. Ladstätter ließ anderen den Vortritt, blieb noch weitere eineinhalb Stunden in der Oper. Alle hätten sich drinnen ruhig verhalten und die Meldungen verfolgt, „draußen war nur Blaulicht zu sehen.“ Dass einige Musiker noch für das Publikum musiziert hatten, erfuhr er erst später. Ladstätter hatte bis zwei Uhr morgens in der Kantine mit Kollegen fassungslos die Informationen zum Terroranschlag verfolgt. Den Dienstag verbrachte er in seiner Wohnung, die nicht weit von den Tatorten entfernt liegt. CD

„An eine Silvesterknallerei geglaubt“


Es hätte ein gemütlicher Abend bei Hubertus von Hohenlohe werden sollen, wo auch der Ex-Weltklassetennisspieler Julian Knowle zum Essen eingeladen war. Der gebürtige Harder wohnt seit zehn Jahren mit seiner Familie im gleichen Haus, in der Nähe des Nestroyplatzes. Ganz in der Nähe davon – eine U-Bahn-Station entfernt – liegt der Schwedenplatz, wo sich am Montagabend schreckliche Szenen abgespielt. Knowle erzählt, dass gegen 20 Uhr einige Gäste bei Hohenlohe angekommen seien und erzählten, eine verfrühte Silvesterknallerei am Schwedenplatz gehört zu haben. „Erst als wir dann die unzähligen Sirenen gehört und Polizeiautos gesehen haben wurde uns klar, dass dies nicht so war. Beim Essen waren dann die Geschehnisse, die wir aus der Fernsehübertragung mitbekommen haben, natürlich Gesprächsthema Nummer eins.“ Am Ende sei die Verunsicherung so groß gewesen, dass einige Gäste bei Hubertus von Hohenlohe übernachtet haben. „Ich hatte das Glück, dass unsere Wohnung nur zwei Etagen höher ist und ich nicht mehr auf die Straße musste.“ JD

Zuflucht im Hotel

Der gebürtige Vorarlberger Peter Babutzky erlebte die schrecklichen Stunden hautnah mit.
Der gebürtige Vorarlberger Peter Babutzky erlebte die schrecklichen Stunden hautnah mit.

Peter Babutzky hat in der Nacht des Terroranschlags zwei Stunden geschlafen. Seinen letzten Live-Einstieg machte der ORF-Reporter um drei Uhr nachts. Der gebürtige Vorarlberger erlebte die schrecklichen Stunden in Wien hautnah mit. Eigentlich war er für eine Reportage über die letzten Stunden vor dem Lockdown unterwegs. Er arbeitete gerade im ORF-Stadtstudio in der Hofburg, als er einen Anruf seiner Chefin erhielt. Irgendwas sei am Schwedenplatz passiert, habe sie gesagt. Babutzky kontaktierte sein Kamerateam. Sie wollten sich beim Hohen Markt treffen. „Ich rechnete damit, dass ich am Rande einer Polizeiabsperrung stehen werde.“ Doch es kam anders. „Ich habe Polizeistaffeln gesehen, die vom Morzinplatz hochgelaufen sind. Sie haben geschrien und gerufen.“ Die Menschen seien daraufhin weggerannt. Babutzky fuhr weiter zum Graben, wo kurz ebenso Einsatzteams unterwegs waren. Er erzählt von Panik. Der Vorarlberger hat sich mit seinem Kamerateam in das Hotel Wandl gerettet. „Ich habe versucht, dass ich sehe, was los ist.“ Der Journalist erzählt von schwer bewaffneten Polizisten. Es sei wie im Film gewesen. Alle hätten die Straße räumen und sich in Sicherheit bringen müssen. Das Hotel habe die Geflüchteten gut betreut. Sie hätten gratis übernachten können. „Wer wollte bekam ein Whiskey oder ein Bier.“ Babutzky schätzt, dass rund 20 Menschen im Hotel Zuflucht suchten. Die Mitarbeiter hätten beachtliches geleistet. Der Reporter hat ebenso im Wandl übernachtet. Um sieben Uhr in der Früh radelte er dann nach Hause. EBI

“Es war surreal”

Anna Fend saß mit einer Freundin im Kino in Wien Mitte im dritten Bezirk, als sie um kurz nach 21 Uhr mitbekommen haben, was am Schwedenplatz gerade passiert. „Wir waren auf das Handy fixiert und haben geschaut, wie sich die Lage entwickelt“, erzählt die 21-Jährige im Gespräch mit den VN. Als der Film fertig war, begaben sich die beiden ins Foyer. „Man sah, wie Polizei und Rettung ständig vorbeigefahren sind.” Man sagte den Besuchern, dass sie weg von den Fenstern gehen sollten. „Die Lage war sehr angespannt und wir wussten nicht, wie wir mit unseren Emotionen umgehen sollen“, beschreibt die Lustenauerin die Schreckensmomente. Um 23 Uhr wurden die Kinobesucher von einem Mitarbeiter vor die Tür gestellt.  Die jungen Frauen flüchteten mit den anderen Kinobesuchern in ein gegenüberliegendes asiatisches Restaurant, wo sie bis etwa vier Uhr in der Früh ausharrten. „Wir hatten einen sehr hohen Stresslevel, haben gezittert und versucht, die Nerven nicht zu verlieren. Man hat nicht gewusst, ob einer der Täter vielleicht reinkommt in das Lokal. Es war eine schlimme Nacht“, sagt Anna Fend. In den frühen Morgenstunden setzte sich die Studentin in ein Taxi und fuhr nach Stunden des Ausharrens nach Hause: „Es war surreal.“ MIH

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