Angst haben dürfen

Vorarlberg / 04.11.2020 • 18:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Manchmal fällt das Beten schwer. Und doch schöpft Naegeli Kraft aus der Gewissheit, selbst im Leid nicht allein zu sein. TM
Manchmal fällt das Beten schwer. Und doch schöpft Naegeli Kraft aus der Gewissheit, selbst im Leid nicht allein zu sein. TM

Theologin und Therapeutin Naegeli über die Stärkung des seelischen Immunsystems.

Bregenz Auch die Ökumenischen Gespräche sind heuer anders. An den drei Dienstagen im November bleibt der evangelische Pfarrsaal von Bregenz dunkel. Videos und Texte zum Download treten an ihre Stelle. Den Anfang macht Antje Sabine Naegeli. Sie ist evangelische Theologin und unterhält eine psychotherapeutische Praxis in St. Gallen. Was uns trägt in schwierigen Zeiten? Das ist eigentlich ihr täglich Brot. In ihrer Praxis sitzt Naegeli oft Menschen gegenüber, die Probleme und Konflikte als unverzeihlichen Makel empfinden. „Ich muss doch souverän sein und alles im Griff haben, äußerte sich vor Kurzem ein äußerlich sehr erfolgreicher Mann in der Lebensmitte mir gegenüber. Und plötzlich musste er, den ich nur als stets gut aufgelegten Powermenschen kennengelernt hatte, weinen. Er erschrak darüber. Es war ihm fremd. Da wurde etwas sichtbar, das er Jahre um Jahre unterdrückt hatte.“ Fazit: „Ein falsches Leben, in dem nur der Erfolg Platz hatte und das Schmerzvolle ignoriert wurde.“

Individuelle Wege

Das ist Naegelis erster Ansatz: Schluss machen mit dem Verdrängen! „Wir müssen uns erlauben bedrückt zu sein, Angst zu haben, nicht weiterzuwissen. Kummer will anerkannt sein und ernst genommen werden, während abgewehrtes Leiden in tiefe Einsamkeitserfahrungen und in die Selbstentfremdung führt.“ Naegeli hat keine Tipps und Tricks im Gepäck. Das wäre zu einfach. „Instant-Rezepte verkennen die Wirklichkeit“, sagt sie. „Es gibt keine konfektionierten Lösungen aus der psychologischen Trickkiste, sondern nur individuelle Wege, wie Schweres tragbar und ein Leben mit Belastungen lebbar werden kann.“ Was es aber ihrer Erfahrung nach gibt, ist so etwas wie ein seelisches Immunsystem. „Wir nennen das Resilienz, die innere Widerstandskraft.“ Sie ist von Mensch zu Mensch verschieden. Nicht jeder hat gleich viel mitbekommen. Nicht jeder braucht gleich viel Trost und Zuneigung. Was kann trösten? „In den Arm genommen werden, an der Hand gehalten werden, wenn einer da ist, der mit mir schweigt, wenn einer meine Wut und Bitterkeit aushält, ohne sie eindämmen zu wollen, wenn einer für mich hofft, wo ich es nicht mehr kann …“

Da ist so viel. Ein richtiger Schatz. Naegeli findet Trost bei den Liedern von Paul Gerhard oder den Kantaten von Johann Sebastian Bach, „die mir immer wieder eine Zuflucht bedeuten an Tagen, die nicht hell werden wollen“. Und in ihrem Glauben: „Die uralte Menschheitsfrage bricht auf: Warum lässt Gott das zu?“ Manchmal bleiben die Gebete da still und verzagt. Und doch hält Naegeli daran fest, „unsere Klage vor diesen unbegreiflichen Gott zu bringen“. Denn „manchmal ist es hilfreich über die Ränder dieser Erde hinauszuschauen, denn, was immer uns zustößt in dieser Welt: Wir sind auf dem Weg nach Hause.“ TM

Ökumenische Gespräche

Was uns trägt in Zeiten des Umbruchs

Alle Inputs gibt es digital unter evang-bregenz.at

Dienstag, 10. November 2020 Covid19 – Was wir aus der Krise lernen können, Mag. Bernhard Gut (Psychologe, Sozialarbeiter) und Sepp Gröfler (Telefonseelsorge)

Dienstag, 17. November 2019 Persönliche existenzielle Krisen und Wege zu deren Bewältigung, Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller (Psychiater)

Veranstalter Katholische Kirche in Bregenz und Evangelische Pfarrgemeinde Bregenz in Kooperation mit dem Ökumenischen Bildungswerk Bregenz und den VN

Buchtipp: Was trägt in schweren Zeiten, Antje Sabine Naegeli, 2019, 48 Seiten gebunden,
10 Euro, Brunnenverlag

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