Der Westen als Feindbild

Vorarlberg / 08.11.2020 • 19:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Tewhid-Moschee in Wien/Meidling wurde nach dem Anschlag geschlossen. APA
Die Tewhid-Moschee in Wien/Meidling wurde nach dem Anschlag geschlossen. APA

Islamwissenschafter Khorchide über die Taktik des politischen Islams.

Wien Hass auf den Westen prägt den politischen Islam, auch in Österreich, wie Theologe Mouhanad Khorchide im VN-Interview erklärt. Er spricht über salafistische Moscheen, über die Instrumentalisierung des Islams für Politik und erläutert, welche Lehren aus dem Terroranschlag in Wien gezogen werden sollen.

 

Bundeskanzler Kurz sprach von einem Anschlag aus Hass auf unser Lebensmodell. Ist es das, was den politischen Islam mitdefiniert?

Khorchide Auf jeden Fall. Es handelt sich um eine starke antiwestliche Ideologie. Der politische Islam projiziert in den Westen und die europäischen Regierungen ein Feindbild des Islam. Noch dazu spielt er mit Begriffen wie Islamophobie und antimuslimischem Rassismus, um sich gegen jede Form der auch berechtigten Kritik zu immunisieren. Damit wollen der politische Islam und seine Anhänger verhindern, dass sich vor allem junge Muslime mit dieser Gesellschaft identifizieren. Sie sollen sich als Opfer des Westens sehen.

 

Woher kommt dieser Hass auf den Westen?

Khorchide Die Bewegung des politischen Islams, die Muslimbrüderschaft, hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als antikoloniale Bewegung gegründet. Jetzt gibt es keine Kolonialzeit mehr, aber die Ideologie ist geblieben. Deshalb sehen sich die Anhänger mitten in einem Postkolonialismus. Der Westen versuche sie zu beeinflussen, wolle ihnen seine Werte oktroyieren.

Wo werden Menschen radikalisiert?

Khorchide Die jungen Menschen werden oft in radikalen Moscheen radikalisiert. Davon gibt es zwar nicht viele in Österreich, aber ein paar. Es gibt auch Radikalisierungen in sozialen Netzwerken. Gefängnisse können ebenfalls Orte der Radikalisierung sein.

 

Müssen radikale Moscheen geschlossen werden?

Khorchide Es gibt einige salafistische, radikalisierende Moscheen in Österreich, die man zusperren sollte. Sie dürfen nicht weiter existieren und Junge rekrutieren. Das gilt auch für einschlägige Online-Plattformen. Juristisch ist das noch schwierig. Auf der anderen Seite müssen Moscheen, die nicht radikalisiert sind, ein Alternativangebot bieten.

 

Tun sie das nicht schon?

Khorchide Das Problem ist, dass viele Moscheen zwar nicht radikalisiert sind und sich auch gegen Gewalt aussprechen. Aber sie sind sehr stark konservativ, sodass die jungen Menschen entweder nicht hingehen wollen oder zu einer Ideologie kommen, die junge Muslime vor die Wahl stellt: Entweder bin ich Österreicher oder frommer Muslim. Wir brauchen ein Islambild, das beides ermöglicht.

 

Was braucht es dafür?

Khorchide Wichtig ist, dass sich die Moscheegemeinden als österreichische Verbände verstehen. Sie müssen mit jeglichen Abhängigkeiten vom Ausland, vor allem von der Türkei, abschließen. Wenn der türkische Präsident Erdogan über den Islam redet, geht es nicht nur um religiöse Inhalte, sondern vor allem um antiwestliche. Moscheegemeinden sind von ihm und seinen Behörden beeinflusst.

 

Wieso wird der Islam so häufig für Politik oder gar für Terroranschläge instrumentalisiert?

Khorchide Seit den 70er-Jahren gibt es eine starke Tendenz der Islamisierung der arabischen Gesellschaften. In den meisten islamischen Ländern gibt es keine klare Trennung zwischen Politik und Religion. Wir sollten auch das Wirken des Propheten Mohammed reflektieren: Es ist stark verbreitet, dass er Prophet und Staatsoberhaupt war, was von vielen Anhängern des politischen Islams benutzt wird, um ihr Vorgehen zu legitimieren. Aber das historische Material zeigt Gegenteiliges. Mohammed war Prophet und hat Dinge verwaltet, sich aber nicht als Staatsoberhaupt gesehen.

 

Was müssen wir aus dem Anschlag in Wien lernen?

Khorchide Der Innenminister hat Versäumnisse zugegeben. Die Kommunikation zwischen den Behörden und Nachrichtendiensten ist nicht optimal verlaufen. Es braucht einen Ausbau von Deradikalisierungsprogrammen. Der Verfassungsschutz muss die Netzwerke besser beobachten.  Auf der anderen Seite muss die Ideologie des politischen Islam genauer erforscht werden. Wir müssen auch auf Prävention setzen. VN-EBI

Zur Person

Mouhanad Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Uni Münster, wo er das Zentrum für Islamische Theologie leitet. Der Theologe ist Vorsitzendender des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Dokumentationsstelle für politischen Islam. Im Frühjahr hat er ein Buch mit dem Titel „Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam“ veröffentlicht.

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