„Stauerscheinungen schubweise sichtbar“

Vorarlberg / 09.11.2020 • 22:36 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das Coronavirus kennt kein Pardon und macht auch vor Pflegeeinrichtungen nicht halt. apa
Das Coronavirus kennt kein Pardon und macht auch vor Pflegeeinrichtungen nicht halt. apa

LH Wallner mit Appell an eigene Verantwortung.

Bregenz Landeshauptmann Markus Wallner räumt ein, dass die leichte Abschwächung der letzten Tage noch zu wenig sei, um den Anstieg benötigter Intensivbetten in „gefährliche Höhen“ zu verhindern. Er sieht Antigen-Tests als gute zweite Testschiene.

 

Herr Landeshauptmann, Vorarlberg hat die höchste Positivitätsrate bei Coronatests. Das heißt, dass offenbar nur mehr die Kranken getestet werden und die Dunkelziffer viel zu hoch ist. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Wallner Ja, die Positivitätsrate ist sehr hoch, mit fast 40 Prozent deutlich über der 5-Prozent-Marke der WHO. Doch sind die Zahlen im Österreich-Vergleich verzerrt, weil wir das einzige Bundesland sind, in dem die positiven Antigen-Schnelltests in die Statistik mit einfließen. Die negativen Antigen-Tests werden zur Zeit noch nicht aufgenommen. Wir werden nun versuchen, die negativen Schnelltests auch in die Statistik einzubringen.

 

Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung könnten positiv sein, schätzte Experte Armin Fidler in den VN. Mit welchen Zahlen rechnen Sie?

Wallner Diese Aussage ist für uns auch sehr frisch. Es deutet vieles auf eine hohe Dunkelziffer hin. Viele der Antigen-Tests sind derzeit positiv. Die hohe Positivitätsrate beunruhigt die Ärzte, auch uns – doch ist das schlussendlich Statistik. Vor allem an den zwei Zahlen der Intensivkapazität und der Todesrate kommt überhaupt niemand mehr vorbei, auch die allergrößten Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker nicht. Deshalb ist klar: Wir benötigen mehr Intensivplätze, wir haben zu viele Todesopfer, auch wenn Vorarlberg hier im Österreich-Vergleich noch recht niedrig liegt.

 

Aus den Intensivstationen des Landes wird den VN von starker Belastung des Personals berichtet, seit Samstag ist auch die Hohenemser Intensivstation am Kapazitätslimit. Wie ernst ist es?

Wallner Die Intensivbelegung ist so hoch wie noch nie – auch in einem intensiven Normalbetrieb belegen wir sonst nie so viele Betten. Zwar hat Vorarlberg auf 100.000 Einwohner gerechnet eine sehr gute Intensivbettenkapazität – aber wir werden die Betten brauchen. Derzeit sind nur durch Covid knapp 30 Intensivbetten belegt, dazu kommen Unfallopfer und Herzinfarkte.

Es ist ein erster Mini-Knick in den Kurven auszumachen.

Wallner Die leichte Abschwächung der letzten Tage ist nach wie vor zu wenig. Die Neuinfektionen von heute machen sich erst in sieben bis zehn Tagen auf der Intensivstation bemerkbar. Wenn der Anstieg jetzt nicht gebrochen werden kann, steigt die Anzahl der belegten Intensivbetten bis Ende November in gefährliche Höhen.

Werden die Intensivbetten reichen?

Wallner Sie müssen reichen.

 

Bürger warten zu lange auf Tests. Nach der Wartezeit auf einen Testtermin in Röthis sind uns Fälle bekannt, in denen es nochmal 70 Stunden und mehr bis zum Ergebnis dauert. So kann das doch gar nicht funktionieren.

Wallner Wir haben ein starkes Infektionsteam im Einsatz. Auch heute wurde es wieder mit Kollegen aus dem Landhaus aufgestockt. Zum Teil haben wir mit vielen Kontaktlisten zu tun, bei denen die Kontrollen sehr mühsam sind.

 

Aber in den geschilderten Fällen ging es alleine um das Testergebnis, da hat sich das Infektionsteam ja noch gar nicht gemeldet.

Wallner Man muss einräumen, dass Stauerscheinungen schubweise sichtbar sind – sowohl was das Testlabor angeht als auch beim Infektionsteam. Wir können nicht mehr jeden Einzelnen anrufen, wir können nicht mehr jede Kontaktperson erreichen, es sind einfach zu viele. Mit Onlineformularen wird das nun beschleunigt. Was uns am meisten helfen würde, wenn der Erkrankte selbst sein unmittelbares Umfeld schnell informiert: Es kann nicht mehr nur die Behörde jeden Schritt vorgeben. Auch in der Schweiz hat nun der Erkrankte die Verantwortung, sein Umfeld selbst zu informieren. Wir erreichen zu oft Erkrankte noch am Arbeitsplatz oder irgendwo unterwegs, nur weil sie noch keinen offiziellen Absonderungsbescheid erhalten haben. Ab dem positiven Testergebnis muss ich meine eigene Konsequenz ziehen, mich absondern und das Umfeld informieren.

 

In Wien gibt es Gurgeltests per Fahrradkurier, das geht superschnell.

Wallner Wir haben als zweite Schiene die Antigen-Tests über die Hausärzte aufgebaut. Das ist ein sehr gutes Netz, nahezu jeder hat einen Hausarzt.

 

Gibt es eine Liste der Ärzte, die Antigen-Tests in Vorarlberg durchführen? Das würde die Menschen interessieren.

Wallner Das muss man an die Adresse der Ärztekammer weitergeben, ob sie nicht etwas mehr Service bieten möchte. Es gibt viele positive Rückmeldungen, dass man mit Symptomen sehr schnell Tests beim Hausarzt bekommt. Der Weg zum Hausarzt ist zudem ein sehr kurzer.

 

Über 50 Vorarlberger sind im Zusammenhang mit Corona verstorben. Sehen Sie genügend Disziplin bei der Bevölkerung?

Wallner Ich würde mir wünschen, dass intensiver mitgearbeitet wird und in Hinblick auf unsere Spitäler ein höheres Problembewusstsein vorhanden ist. Wer sich derzeit überlegt, ob man irgendwen treffen soll: Mach’s lieber nicht!

 

Braucht es schärfere Maßnahmen?

Wallner Wir haben nicht mehr so viel Zeit. Wir können noch bis Ende der Woche zuwarten, ob der zweite, nicht ganz so intensive Lockdown eine Reaktion zeitigt. Wenn nicht, müssen neue Maßnahmen diskutiert werden.

 

Da wären wir wieder bei den Schulschließungen.

Wallner Die Schulschließungen waren ein Hin und Her in der Diskussion, weil sich hier die Meinungen widersprechen. Wir möchten sie so lange wie möglich offen halten, vor allem für die Jüngeren. Die AGES prüft derzeit alle Fälle auf Schulbezug, Ergebnisse werden diese Woche erwartet. Wir möchten uns diese Frage nicht leicht machen.

„Ab dem positiven Testergebnis muss ich mich absondern und das Umfeld informieren.“

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