Wenn Stimmen Taten befehlen

Vorarlberg / 09.11.2020 • 22:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Menschen, die von cannabisinduzierten Psychosen betroffen sind, fehlt laut Haller meist jede Einsicht in ihre Krankheit.
Menschen, die von cannabisinduzierten Psychosen betroffen sind, fehlt laut Haller meist jede Einsicht in ihre Krankheit.

Durch Drogen ausgelöste Wahnvorstellungen sind bei Einweisungen häufig Thema.

Feldkirch Hin und wieder wird bei Prozessen auch die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt. Doch was steht im Hintergrund dieser Zwangsaufenthalte in einer Psychiatrie? Nicht selten geht es um paranoide Schizophrenie, die laut Gerichtspsychiater Reinhard Haller bei knapp 0,5 Prozent der Bevölkerung vorkommt. Die Ursache ist unbekannt, eine Behandlung nur symptomatisch möglich. Die wahnhafte Form der Schizophrenie weist ein erhöhtes Risiko für Straftaten auf. Wenn eine zusätzliche Störung wie eine Suchterkrankung dazukommt, ist das Risiko beispielsweise bei Tötungsdelikten acht- bis zwölfmal höher als bei „Normalen“. Dabei betont der Psychiater immer wieder, dass Menschen, die an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden, keineswegs gefährlicher sind als normale, im Gegenteil.

Cannabis als Auslöser

Vor allem LSD und Cannabis können eine latent vorliegende Psychose, die ohne Drogenmissbrauch nie aufgetreten wäre, auslösen. Bei Cannabis muss der Missbrauch massiv sein, bei LSD kann schon der erste „Horrortrip“ in eine Psychose übergehen. Laut Haller gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: In einem größeren Teil der Fälle hat die Schizophrenie in jungen Jahren schleichend begonnen, und manche Patienten setzen dann Drogen zur „Selbsttherapie“ ein. Mit Cannabis versuchen sie sich zu beruhigen oder die verwirrenden, manchmal angsteinflößenden Halluzinationen zu unterdrücken. „Das kann vorübergehend gelingen, begünstigt aber einen neuen Krankheitsschub. Bei den anderen dreißig Prozent ist es umgekehrt. Hier beginnt alles mit Drogenmissbrauch und löst eine bis dahin schlummernde Geisteskrankheit aus“, so der Drogenexperte. Die Frage, ob es für einen Cannabiskonsumenten ein „Zurück“ gibt, wenn er die ersten Anzeichen bemerkt, beantwortet Haller folgendermaßen: „Der Mensch spürt, dass die Wirkung der Droge anders ist, er ängstlich und mit Unruhe reagiert und dass zunehmend Sinnestäuschungen auftreten. Ist ein psychotischer Schub ausgelöst, kann man ihn nicht mehr steuern, sondern eine intensive psychiatrische Behandlung ist notwendig“. „Befehlende Stimmen“, sogenannte imperative Halluzinationen, sind laut Haller die gefährlichsten Symptome, da sie dem Betroffenen oft Straftaten „anordnen“. In einer Psychose, so der Mediziner, erlebe man, wie in einem Albtraum alle möglichen Dinge, kann aber sein Verhalten nicht willentlich steuern.

Völlig gesund

Menschen, die von cannabisinduzierten Psychosen betroffen sind, fehlt meist jede Einsicht in ihre Krankheit. Sie fühlen sich weder krank noch behandlungsbedürftig. Gerichtliche Weisungen sind nötig, um Therapien sicher zu stellen. Ansonsten setzt der Patient die Medikamente ab, sobald er für sich entscheidet, dass er geheilt sei. Da Betroffene auch Freunden und Verwandten misstrauen, überall Intrigen wittern, ist die Störung auch für das Umfeld sehr belastend. Haller empfiehlt, sich professionelle Hilfe zu suchen. Als Anlaufstellen nennt er beispielsweise aks, Pro mente oder aquamühle. EC

„Ist ein psychotischer Schub ausgelöst, kann man ihn nicht mehr steuern.“

Wenn Stimmen Taten befehlen

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