Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Woran uns 2/11 erinnert

Vorarlberg / 09.11.2020 • 22:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Nacht des Attentäters – diese Terrornacht vom 2. auf den 3. November 2020 kann man nicht aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen in Wien, aber auch nicht jener im Rest des Landes löschen. Ein islamistischer Terroranschlag in ihrer sicheren, entspannten Stadt, der vier Menschen das Leben kosten sollte – das war davor für viele Wienerinnen und Wiener unvorstellbar. Dieses grauenhafte Ereignis vermittelt uns Erkenntnisse, die teilweise nicht neu sind, die man sich nun aber wieder ins Bewusstsein rufen sollte.

Der demokratische Kampf gegen Islamisten und Rechtsextreme muss mit aller Entschlossenheit geführt werden. Beide Extremisten-Gruppen haben ein gemeinsames Anliegen, wie man etwa in den Büchern der international tätigen Extremismus-Expertin Julia Ebner nachlesen kann: Die Gesellschaft zu erschüttern, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen und die rechtsstaatliche Ordnung auszuhebeln. Die Feinde der Demokratie träumen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen, um danach eine andere Ordnung errichten zu können. Mehr Ressourcen und Mittel für Deradikalisierung, mehr Prävention, mehr Kontrolle, mehr Hinschauen sind notwendig, wenn wir uns effektiv vor diesen Gefahren schützen wollen.

Zusammenhalt gibt uns eine Stärke, die wir mit den üblichen Egotouren nie erreichen werden. In der Terrornacht haben viele anderen geholfen – Fremden, die verletzt waren, Angst hatten, auf der Flucht vor dem Attentäter waren. Die Helferinnen und Helfer haben gezeigt, dass man in einer hochindividualisierten Gesellschaft, in der meist jeder vor allem auf sich selbst achtet, gemeinsam auch Extremsituationen bewältigen kann. Es geht nicht immer um Aufmerksamkeit für einzelne, es geht manchmal einfach nur um den Nutzen aller.

Ein reales Bild zu vermitteln ist vernünftiger als Schönfärberei. Österreich ist längst keine „Insel der Seligen“ mehr, wenn es das überhaupt jemals war. Österreich ist ein kleines, stabiles und wohlhabendes Land im Herzen von Europa, das sich in den vergangenen Jahrzehnten auch dank der EU gut entwickelt hat. Das Land ist aber nicht besser oder zivilisierter als andere, Österreich hat ähnliche Probleme wie andere auch. Nur weil manche Entwicklungen in der Welt hierzulande langsamer sichtbar werden, heißt es nicht, dass sie uns nicht erreichen.

Eine gewisse Demut wäre angebracht. Der Anschlag vom 2. November hätte unter anderen Umständen noch weitaus verheerender verlaufen können. Sich dessen bewusst zu sein, könnte den Begriff „Demut“ losgelöst von den gängigen Politiker-Ansprachen mit mehr Wahrhaftigkeit erfüllen.

„Zusammenhalt gibt uns eine Stärke, die wir mit den üblichen Egotouren nie erreichen werden.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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