Hätte aber die Liebe nicht . . .

Vorarlberg / 13.11.2020 • 18:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Immer Mitte November, in der Nähe des Festes der Hl. Elisabeth, wird der Caritassonntag gefeiert. Dabei geht es primär nicht ums Geldbetteln, sondern ums Bewusst-machen, was im Leben wesentlich ist. Caritas heißt ja „Liebe“, und in der Hl Schrift steht: Könnte ich noch so toll reden, wäre ich noch so berühmt und erfolgreich, ein Spitzenpolitiker oder Nobelpreisträger, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich – ein Nichts. (vgl. 1Kor 13,1). Ich habe zwar mit diesem Bibelsatz meine Mühe, weil trotz aller Mängel jeder Mensch von Gott geliebt ist, aber die Aussage, dass die Liebe im Leben das Wichtigste ist, stimmt sicher. Ich versuche eine Anwendung dieses Wortes im Blick auf das Thema Corona.

Leichter gesagt als getan

„Sie können durch ihren Verzicht anderen Menschen helfen“, sagen die Politiker. Wer sind diese anderen? Was hat eine Schülerin, die nicht auf die Party gehen darf, mit den Bewohnern des Altenheimes um die Ecke zu tun? Oder der Sportler im Zwangsurlaub mit der Alleinerzieherin im Nachbarhaus? Und das Liebespärchen, dessen Urlaub abgesagt wurde, mit der fünfköpfigen Familie im Wohnblock? Beim ersten Hinschauen gar nichts. Wir kennen die anderen, denen unser Verzicht zugute kommen soll, überhaupt nicht. Deshalb ist die Frage berechtigt, wie sich unser Verhalten auf die Mitmenschen auswirkt. Mir scheint, dass wir vor allem zwei Organe brauchen: den Kopf und das Herz.

Einsicht ist nötig

Es fehlt oft die Einsicht, dass wir Menschen immer vernetzt sind mit anderen, ob wir darum wissen oder nicht. Die Tatsache, dass in China auf einem Markt oder in einem Labor das Coronavirus ausgebrochen ist und sich dann schlagartig auf der ganzen Welt verbreitet hat, zeigt, wie sehr wir voneinander abhängig sind, aufeinander Einfluss nehmen, auch wenn wir uns total fremd sind. Dabei gibt es noch ganz andere, gefährlichere „Viren“, die in unseren eigenen Köpfen entstehen und sich auf unserem Globus vermehren,
z. B. das Virus egoistischer Haltungen oder der Pauschalierungen, bei denen man alle in einen Topf wirft. Unser Denken, unser Handeln hat immer eine Auswirkung auf andere, unser Lebensstil mit der Ausbeutung der Schöpfung fällt den Nachkommen auf den Kopf. Aber auch positiv fließt unser Verzicht, unser Rücksichtnehmen auf andere über. Sollten wir nicht in unseren Ansprüchen bescheidener werden? Mir gefällt das Gedicht von Kaspar Troy, das mit den Worten beginnt: „Ma sött nüd gär alls wello hea…“ Wir sollten in unseren Ansprüchen bescheidener werden, damit auch die anderen bei uns und in den Armutsländern ein lebenswertes Leben führen können.

Zugleich braucht es das Herz

Der Jesuit Johann Baptist Metz schrieb schon 2006 sinngemäß: „Das Schlüsselwort im Zeitalter der Globalisierung lautet ‚Compassion‘, Betroffenheit, Mitleidenschaft, ein Berührtsein und Angerührtsein von den Leiden anderer.“ Das fehlt uns weithin. „Was gehen mich die anderen an?“, hört man oft. Oder, um den Horizont weiter zu spannen: Wie viele reden und schreiben gegen die Moria-Hilfe und die Flüchtlinge überhaupt, ohne deren tragische Lebenssituation und verzweifelte Hoffnung zu kennen. Papst Franziskus verfasste eine neue Enzyklika „Fratelli tutti“ mit der Botschaft, dass wir alle Geschwister, Brüder und Schwestern sind! Darin stehen gewaltige Sätze, z. B. „Wenn wir Europa sagen, soll das Öffnung heißen. Europa kann sich nicht auf sich selbst zurückziehen. Es kann und darf nicht völliges Desinteresse für den Rest der Welt zeigen.“

Wenn ich an den Nationalismus verschiedener Staaten denke, Österreich nicht ausgenommen, dann fehlt doch in großem Maße die „Compassion“ für die Menschen, die hoffnungslos, ohne Bildungsmöglichkeiten, ohne medizinische Versorgung und mit dem Hunger im Bauch leben.

Gefragt bin ich, ist jede/jeder Einzelne.

Eine chassidische Geschichte erzählt: Ein Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. ‚Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?‘, fragte einer seiner Schüler. ‚Nein‘, sagte der Rabbi. ‚Ist es, wenn man einen Apfelbaum von einer Birke unterscheiden kann‘, fragte ein anderer. ‚Nein‘, sagte der Rabbi. ‚Aber, wann ist es dann?‘ fragten die Schüler. ‚Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und darin deine Schwester oder deine Bruder siehst. Bis dahin ist noch die Nacht bei uns!‘

Das heißt lieben: Sich als Menschen erkennen, wertschätzen und einander so begegnen, wie ich es für mich wünsche. Ohne Liebe ist alles nichts.

Elmar Simma, Vikar, Pfr. i. R., Rankweil.
Elmar Simma, Vikar, Pfr. i. R., Rankweil.

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