Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Traurige Weihnacht

Vorarlberg / 14.11.2020 • 05:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In diesen Tagen entscheidet sich, wie Weihnachten wird, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und appellierte an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben. Vier Wochen ist das her. Deutschland hatte damals 40 Infektionen pro 100.000 Einwohner über einen Zeitraum von sieben Tagen. Mittlerweile hat sich diese Inzidenz auf einem drei Mal höheren Niveau stabilisiert, und Merkels Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angefangen, die Leute auf etwas andere Weihnachten vorzubereiten: Feiern mit mehr als zehn bis 15 Personen werde es nicht geben können.

„Der gegenwärtige Lockdown wird in den nächsten Tagen noch härter werden und noch länger dauern.“

Das sind traurige Aussichten. Was aber soll man erst als Österreicher sagen? Gemessen an der Bevölkerung gibt es hierzulande nicht nur vier Mal mehr Neuinfektionen, sondern auch immer noch Zuwächse. Weihnachten wird unter diesen Umständen nur im engsten Familienkreis möglich sein.

Es ist illusorisch, dass die zweite Welle rechtzeitig mit dem Advent zu Ende geht: Sie strebt jetzt erst nach zwei Monaten ihrem Höhepunkt zu. Bei der ungleich kleineren ersten Welle waren nach zwei Monaten die Gasthäuser wieder geöffnet.
Der gegenwärtige Lockdown wird in den nächsten Tagen noch härter werden und noch länger dauern. Und dann wird man irgendwie zu dem übergehen müssen, was leichter gesagt ist als getan: mit dem Virus leben. Also Abstand halten, Hände waschen, keine geselligen Runden in stickigen Räumen etc.

Weihnachten allein mit den Liebsten und ohne Einkaufsstress muss nicht schlimm sein, sondern kann sogar wunderschön werden. Mit den Beschränkungen sind aber auch Verluste verbunden: Treffen mit Freunden, Kollegen und Verwandten; die Christmette mit vertrautem Gesang; und der Saisonstart in den Tourismushochburgen. All das wird es heuer nicht oder nur eingeschränkt geben, an letzterem hängen Tausende Existenzen.

Wo ist die Perspektive?

Das sollte man aussprechen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat die Regierung Anfang November aufgefordert, zwei Dinge zu tun: Die Kontaktnachverfolgung zur Vermeidung weiterer Wellen besser aufstellen; und Perspektiven oder zumindest Szenarien für die Zeit nach dem Lockdown entwickeln. Passiert ist bisher nichts davon. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat es noch nicht einmal geschafft, Informationen und Daten über das Infektionsgeschehen ordentlich zusammenzutragen. Bei seiner Vorgängerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) hätte es Rücktrittsaufforderungen gehagelt.

Man sollte nie vergessen, wie schwierig es Politiker haben. Ja, man sollte auch mit Schuldzuweisungen wie jener vorsichtig sein, sie hätten den zweiten Lockdown zu spät ausgerufen: Die Schweiz hatte keinen flächendeckenden und bis vor wenigen Tagen noch höhere Zahlen, entwickelt sich jetzt aber besser (warum, weiß niemand). Verhängnisvoller ist, dass in Österreich aufgrund des Impfstoffs von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) abwärts eine baldige Rückkehr zur Normalität versprochen wird: Das trägt zu genau jener Sorglosigkeit bei, die zu noch Schlimmerem führen könnte, bis eine kritische Masse geimpft ist.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

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