75 Jahre VN: Die Gründerzeit

Vorarlberg / 15.11.2020 • 14:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
75 Jahre VN: Die Gründerzeit

Ein Gastbeitrag von Historiker Meinrad Pichler zu 75 Jahre VN.

Schwarzach Der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch die französische Armee und dem Ende des Krieges im Mai 1945 folgte ein politischer Neubeginn, der oft fälschlicherweise als „Stunde null“ bezeichnet wurde. In Wirklichkeit fußte die Neuausrichtung auf einem Brückenschlag zurück in die Zeit vor dem sogenannten Anschluss im Jahr 1938. Nahezu alle neuen Landespolitiker des Jahres 1945 – von Landeshauptmann Ulrich Ilg abwärts – waren bereits vor 1938 beziehungsweise vor 1934 in politischen Funktionen tätig gewesen. Auch an die von Dollfuß zu Beginn der 1930er-Jahre zur Abgrenzung von Deutschland propagierte Österreich-Ideologie konnte ohne besondere Neujustierung angeknüpft werden. Die Wirtschafts­elite, die den großdeutschen Wahn in erheblichen Teilen mitgetragen und von der NS-Diktatur profitiert hatte, fand ebenfalls ohne allzu große Verluste an Prestige und Vermögen den Weg ins neue Österreich.

75 Jahre VN: Die Gründerzeit

Auf dem Pressesektor dauerte die Neuformierung etwas länger, aber auch hier wurde die Zukunft mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit in Angriff genommen. In Vorarlberg gab es vor dem „Anschluss“ die unabhängige Landes-Zeitung, die seit 1919 von Eugen Ruß herausgegeben wurde, das Vorarlberger Volksblatt als Organ der christlichsozialen Partei sowie das großdeutsch und ab 1933 nationalsozialistisch ausgerichtete Vorarlberger Tagblatt. Die sozialdemokratische Vorarlberger Wacht war schon 1934 von der Dollfuß-Diktatur verboten worden.

Nachdem im Sommer 1945 bereits einige Anzeigeblätter (Kleinwalsertal, Feldkirch, Dornbirn, Bregenz) erschienen waren, entschied die französische Militärregierung, mit 1. September 1945 eine landesweite Tageszeitung erscheinen zu lassen. Mit der Herausgeberschaft in enger Abstimmung mit der französischen Behörde wurde Eugen Ruß, der ehemalige Herausgeber der unabhängigen Landes-Zeitung, betraut, die Redaktion lag in den Händen der drei zugelassenen Parteien. Aber nur die ÖVP und die SPÖ stellten jeweils einen Redakteur, die KPÖ begnügte sich mit Einsendungen. Als Name für dieses Lizenzblatt wurde Vorarlberger Nachrichten gewählt.

Von der französischen Militärverwaltung erhielt die Redaktion ein Feldtelefon mit Anschluss an das französische Netz. So konnte man innerhalb der Zone mit Ämtern und Dienststellen telefonieren; internationale Meldungen bezog man großteils aus der Schweiz. Der direkte Bezug von Schweizer Zeitungen war aber untersagt.

Im Vorfeld der für den 25. November 1945 festgesetzten Wahlen zum Nationalrat und zu den neun Landtagen befasste sich der Alliierte Rat, bestehend aus den Vertretern der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs, mit der Wiederherstellung der freien Presse in Österreich. Mit dem sogenannten Pressedekret vom 1. Oktober 1945 beschloss der Rat, Zeitungen unter bestimmten Voraussetzungen zuzulassen. Die neue Pressefreiheit war an Bedingungen wie den Kampf gegen die nationalsozialistische, großdeutsche und militaristische Ideologie sowie an die Gewährleistung der Sicherheit der Besatzungsmächte geknüpft. Die französischen Presseverantwortlichen verpflichteten die zukünftigen Vorarlberger Zeitungsmacher zu ihren drei Grundsätze zur Rekonstruktion des Landes: nämlich Entnazifizierung, Demokratisierung und Schaffung eines Österreichbewusstseins. So heißt es denn auch im Editorial der ersten VN-Ausgabe vom 16. 11. 1945, „alle Bestrebungen, ein freies, demokratisches Österreich zu schaffen, tatkräftigst zu unterstützen, wird unser oberster Leitgedanke sein“.

Die französische Militärregierung für Vorarlberg gab die Presse für den 15. November 1945, also zehn Tage vor den Wahlen, frei. Noch an diesem Tag erschien die erste Nummer des sozialdemokratischen Vorarlberger Volkswillen. Am Tag darauf präsentierten sich das Vorarlberger Volksblatt der ÖVP und die Vorarlberger Tagesnachrichten (später Tageszeitung) der KPÖ der Öffentlichkeit. Zeitgleich an diesem 16. November 1945 erschienen auch wieder die Vorarlberger Nachrichten, nun aber als unabhängige Zeitung in Besitz und Herausgeberschaft von Eugen Ruß. In der Redaktion arbeitete nun auch sein Sohn Dr. Anton Ruß, der seinen Berufswunsch, Richter zu werden, aufgab und sich ganz der Zeitung widmete. Er war es, der die laufenden Verhandlungen mit den französischen Dienststellen führte, um ein reibungsloses Erscheinen der Zeitung zu ermöglichen.

Drei Jahrzehnte nach dem journalistischen Aufbruch bestanden nur noch die Vorarlberger Nachrichten. Die Zeit der Parteiblätter, die 1945 noch über einen Marktanteil von 90 Prozent verfügt hatten, ging in den 1970er-Jahren österreichweit zu Ende. Der Erfolg der VN war auf längere Sicht in erster Linie der Parteiunabhängigkeit zu danken. Eugen Ruß, so wird in seinem Nachruf von 1962 festgehalten, habe sich „nie an politische oder wirtschaftliche Gruppen gebunden. Er fühlte sich aber stets einer klaren, christlichen Weltanschauung verpflichtet und arbeitete nach den wirtschaftlichen Notwendigkeiten privaten Unternehmertums.“ Neben dieser erfolgreichen Geschäftsphilosophie summierten sich gerade in den Gründungsjahren einige Faktoren und Umstände, die die Auflage bis 1947 auf 27.000 Exemplare steigen ließen. Da waren einmal die 100 Tage Vorsprung, in denen der Name Vorarlberger Nachrichten und deren Erscheinungsbild beim Erstauftritt der übrigen Blätter bereits eingeführt waren.

Im Sommer 1946 hatte die Vorarlberger Presse unter massiver Papierknappheit zu leiden, was zu Einschränkungen des Umfangs führte. Da halfen die unabhängigen Salzburger Nachrichten und die Oberösterreichischen Nachrichten den VN, indem sie die eigene Seitenzahl verringerten und der unabhängigen Vorarlberger Zeitung Papier lieferten. So konnten die Vorarlberger Nachrichten weiterhin vierseitig erscheinen.

Einen nicht zu unterschätzenden Erfolgsfaktor bildete zudem die Tatsache, dass die VN von Beginn an den umfangreichsten Lokalteil hatten, der in den 1950er-Jahren von 60 lokalen Berichterstattern beliefert wurde.

Dazu kam, dass das Vorarlberger Volksblatt durch mangelnden politischen Instinkt viel Kredit bei den französischen Behörden einbüßte. In zwei Artikeln im Februar 1946 ergriff die ÖVP-Zeitung erst für die illegalen Nationalsozialisten und zwei Tage später für die Soldaten der deutschen Wehrmacht Partei. Als dann noch am 2. März 1946 Bischof Tschan in einem Artikel das Schicksal des deutschen und österreichischen Volkes beklagte, ohne dessen Verursacherrolle zu thematisieren, verboten die Besatzungsbehörden die Zeitung für die Dauer von sechs Wochen. Es war für die Franzosen ärgerlich, dass Meinungsbildner in Vorarlberg die gebotene Chance, schad- und schuldlos aus der verbrecherischen Liaison mit Deutschland herauszukommen, nicht wahrnehmen und in treuer Verbundenheit und mit Selbstmitleid auf den gemeinsamen Irrweg zurückschauen wollten. Diese Ausritte brachten die überzeugten Nazis dem christlichsozialen Lager nicht näher, kosteten dem Volksblatt aber – nach Eigenangabe – mehrere Tausend Abonnenten.

Der Umgang mit den sogenannten Ehemaligen bildete in den Nachkriegsjahren nicht nur für die Politik ein Problem, sondern auch für die Presse. Die einen buhlten um ihre Stimmen, die anderen wollten sie als Abonnenten. Das Potenzial war enorm. Bei der ersten Landtagswahl im November 1945 waren gut 15.000 Personen wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP nicht wahlberechtigt. Und fast 8000 Wählerinnen und Wähler gaben eine ungültige oder weiße Stimme ab. Sie konnten sich offensichtlich mit keiner der drei zugelassenen Parteien identifizieren.

Die Vorarlberger Nachrichten näherten sich den Ehemaligen vorsichtiger, mit zunehmender Dauer aber stieg „das Verständnis für die kleinen Mitläufer des NS-Regimes“. Und schließlich auch für lokale Vorläufer. „Eugen Ruß und der verantwortliche Redakteur Dr. Ruß“, schrieb später der Chefredakteur Franz Ortner, „waren für eine Beendigung politischer Revanchen und traten in den Vorarlberger Nachrichten für Versöhnung ein. Dies war nicht zuletzt, wenn auch nicht überall verstanden, ein Grund für den raschen Aufstieg der Zeitung und ihrer Verankerung in der heimischen Bevölkerung.“ Mit der weitestgehenden Einstellung der Entnazifizierungsmaßnahmen ab 1947 und dem politisch abgesegneten Erzählstrang von Österreich als Opfer konnte das zukünftige Augenmerk ganz auf den wirtschaftlichen Aufschwung gelegt werden. Die Vorarlberger Nachrichten führten nicht nur die laufende Chronik zum hiesigen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, sie wurden zugleich ein Teil davon.

Hier geht es zur 75-Jahr-Jubiläumsausgabe