Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Gegen die Experten

Vorarlberg / 15.11.2020 • 18:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Erstmals mehr Corona-Experten als Infizierte! Dieser Witz aus der ersten Corona-Welle ist aktueller denn je. Auf den Leserbriefseiten oder bei Stammtischgesprächen. Ich bin auch kein Experte. Mir bleibt nichts anderes übrig als die Meinung der wirklichen Experten zu respektieren. Aber auch Kanzler und Gesundheitsminister sind keine Experten und benötigen Rat der Fachleute. Die wurden lange Zeit für die Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten. Die Corona-Situation ist aktuell derart dramatisch, dass unsere Landesregierung schon im benachbarten Deutschland angefragt hat, ob man dort einige unserer Intensivpatienten betreuen könnte (Quelle: SN). Dass die Regierung auf die Situation reagieren musste, ist klar. Doch musste man, gegen den Rat vieler Experten, auch (fast) alle Schulen und Kindergärten schließen? Die Regierung hat eine Reihe von Beratergremien, vor allem die „Ampel-Kommission“, in der alle Bundesländer vertreten sind. Die hat noch am Donnerstag empfohlen, Kindergärten und Volksschulen, sowie für die Zehn- bis Vierzehnjährigen offen zu halten. Einstimmig (bei Enthaltung des Kanzleramtes). Kinderärzte, die Opposition, die Wirtschaftsforschungsinstitute IHS und WIFO, Bildungsexperten, Industriellenvereinigung, Wirtschafts-, Arbeiter- oder Ärztekammer haben vor der Schulschließung gewarnt. Das Spitalspersonal, also diejenigen, die derzeit die größte Last zu tragen haben, werde die Doppelbelastung der Kinderbetreuung und der Bekämpfung der Pandemie nicht tragen können. Selbst der Bildungsminister wollte die Schulen für die bis Vierzehnjährigen offenhalten. Auf alle diese hat der Kanzler nicht gehört. Der Mann muss sich um die Betreuung eigener Kinder auch nicht kümmern. Wie es auch an anderen Entscheidungen schmerzlich spürbar ist, dass in der Regierung niemand sitzt, der schon einmal einen Betrieb geführt hat. Sonst gäbe es nicht jene kurzfristigen Entscheidungen, die viele Wirtschaftstreibende verzweifeln lassen.

Nicht nur die Opposition, sondern auch die Regierung selbst geht jetzt auf Fehlersuche. Vizekanzler Kogler hat den Bundesländern mangelnde Vorbereitung auf die zweite Welle vorgeworfen. Nur Salzburg hat er ausgenommen, also auch Vorarlberg gemeint. Man habe die getroffenen Abmachungen nicht eingehalten. Kogler: „Wir haben ein politisches Problem mit einem falsch verstandenen Föderalismus“. Das werden die Landeshauptleute nicht auf sich sitzen lassen. Streit statt gemeinsamer Lösung. Blick nach Deutschland gefällig? Dort hält Kanzlerin Merkel regelmäßig mit den Ministerpräsidenten einen Corona-Gipfel ab. Beim letzten Gipfel haben sich Länder und Kanzlerin auf bundeseinheitliche Einschränkungen geeinigt und sich daran gehalten. Ergebnis: Die 7-Tages-Inzidenz ist deutlich niedriger als in Österreich. Nicht nur wegen des gemeinsamen Vorgehens, aber auch.

Der Mathematiker Erich Neuwirth befasst sich seit Monaten mit der Datenlage und sagt: „Wenn man rechtzeitig etwas getan hätte, also zwei oder drei Wochen früher, wäre das günstiger gewesen.“ Stimmt, aber wichtiger scheint mir, dass die Regierung sich bereits jetzt einen Masterplan überlegt, wie man einen möglichen dritten Lockdown verhindert. Immer nur eine Minute vor zwölf einen Lockdown zu veranlassen, wird zu wenig sein. Vor zwei Wochen habe ich geschrieben, dass wir alle einen Beitrag leisten müssen. Jetzt möchte ich nicht wissen, wie viele sich beim Einkaufswahnsinn dieses Wochenendes, begünstigt durch wahre Rabattorgien der Einkaufszentren, angesteckt haben. Weiterhin gilt: Nicht nur an der Regierung liegt es, sondern auch an uns.

„Immer nur eine Minute vor zwölf einen Lockdown zu veranlassen, wird zu wenig sein.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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