Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Angst im Advent

Vorarlberg / 17.11.2020 • 22:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Adventkalender 2020 hat 21 Türen statt 24 und das Christkind kommt bereits am 7. Dezember gleich nach dem Nikolaus. Dieses Gefühl haben viele Österreich am Tag Zwei des Lockdowns, egal ob sie im Homeoffice warten oder ihr Geschäft schließen mussten. Ob sie mit Kindern Hausaufgaben machen, mit ihrem Partner neue Kochrezepte probieren oder ihre Angehörigen in Pflegeeinrichtungen nur mehr einmal pro Woche sehen dürfen. Wenn überhaupt.

Über Sinn und Unsinn einzelner Maßnahmen lässt sich diskutieren. Über die Unterschiede zwischen Sparten bei den Entschädigungen sowieso. Nichts desto trotz wird der Erfolg von uns allen abhängen. Die Neuinfektionen gehen nur zurück, wenn alle Beschränkungen zusammen eingehalten werden, unabhängig vom jeweiligen Anteil am Gesamterfolg. Die heimische Wirtschaft wird nur durch die Krise kommen, wenn wir unsere Weihnachtseinkäufe aufschieben oder ihnen auch im Internet treu bleiben. Unabhängig von der Höhe ihres staatlichen Umsatzersatzes.

Im sommerlichen Leichtsinn verhallten alle Appelle der Vernunft. Österreich hat sich im Herbst in Koproduktion zwischen Bürgern und Politik an die weltweite Corona-Spitze hinaufgeschwindelt. Maske im Auto vergessen? Macht nichts, eh genug Abstand. Mit Freunden auf ein schnelles Bier? Halb so wild, ist eh keine Grippezeit. Ausreichend vorgeplant für die zweite Welle? Wer weiß, ob die überhaupt kommt. Wenn Vernunft nicht hilft, braucht es offensichtlich wieder Verbote. Damit Verbote funktionieren, braucht es Angst.

Diesmal sind Bilder von ein paar Särgen in Bergamo zu wenig. Menschen gewöhnen sich sehr rasch an Leid und Schrecken. Nicht nur wenn Flüchtlinge im Mitteleer ertrinken. Ein zweites Mal hätten wir über den Satz des Bundeskanzlers „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“ nur belustigt gelächelt. Daher hat die Bundesregierung eine andere Strategie gewählt und Ärzte vorgeschickt. Sie sind Experten und genießen höchstes Vertrauen. „Bald wird kein Bett mehr frei sein auf einer Intensivstation“ lautete ihre Botschaft. Das ist eindeutig verständlich und verängstigend.

Doch der Bundeskanzler kann es trotzdem nicht lassen und kündigt mit den Massentests schon wieder im Alleingang Maßnahmen an, ohne die Dinge zu Ende gedacht zu haben. Das beginnt mit der prinzipiellen Sinnhaftigkeit von derartigen Testungen, die eine reine Momentaufnahme sind. Das endet bei der Vereinbarkeit mit der Verfassung, die dann die ganze Aktion auf Freiwilligkeit hinauslaufen lässt. Und selbst wenn sich alle testen lassen: Was dann? Alle ab nach Hause und dort die Familie anstecken? Damit es wieder heißt, die Mehrzahl der Fälle entstehe im Privatbereich?

Die Regierung muss nachvollziehbare Pläne nach diesem Lockdown präsentieren, um das in sie gesetzte Vertrauen nicht weiter zu verlieren. Denn vor dem restlichen Advent sollten wir uns nicht fürchten müssen.

„Österreich hat sich im Herbst in Koproduktion zwischen Bürgern und Politik an die weltweite Corona-Spitze hinaufgeschwindelt.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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