Bewahren alter Obstarten hat jetzt wieder Saison

Vorarlberg / 17.11.2020 • 16:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Horst Nugents Unterlagen sind für Richard Dietrich unschätzbare Hilfe. <span class="copyright">stp/2</span>
Horst Nugents Unterlagen sind für Richard Dietrich unschätzbare Hilfe. stp/2

Bei Richard Dietrich in Lauterach werden immer wieder auch Raritäten abgeliefert.

Lauterach In seinem Hofladen in Lauterach hält Richard Dietrich nicht nur seine Vorarlberger Kostbarkeiten feil, hier können sich jetzt im Herbst, wenn die Obsternte eingefahren ist, auch viele Neugierige Informationen über ihre alten Kernobstsorten holen. „Was ist das für ein Apfel, was ist das für eine Birne?“ bekommt er immer wieder zu hören.

Nur ganz selten ratlos

„Sie kommen aus dem ganzen Land, wenn sie in ihren Streuobstwiesen einen Apfel oder eine Birne finden, die sie nicht einordnen können“, erklärt er im Gespräch mit der VN-Heimat, während er einen großen Apfel in mundgerechte Schnitze schneidet und zur Verkostung anbietet. „Das ist ein Landsberger Renette, ein Apfel, der sehr selten geworden ist.“ Bekommen hat er diese Früchte aus Dornbirn. Dort wachsen sie im Garten eines historischen Hauses, dem sogenannten Schlossguggerhus, dem ältesten noch erhaltenen Haus in Dornbirn.

Die Anfänge reichen ins Jahr 1294 zurück – und auch Apfelbäume mit alten Sorten stehen dort seit Menschengedenken.

Ist hier die Sortenbestimmung schnell gelungen, so muss selbst Dietrich im einen oder anderen Fall passen. „Nicht immer lassen sich die Sorten zweifelsfrei bestimmen“, bedauert der Experte, während er von einer Entdeckung im Montafon erzählt.

Horst Nugents Vermächtnis

„Ein Arzt aus Ludesch brachte mir von seiner Obstbündt in Vandans rund ein Dutzend Muster mit, ich bin noch dabei, die Sorten zu bestimmen“, erläutert Dietrich, der sich bei seiner Arbeit vor allem auf die Forschungen des legendären Bregenzers Horst Nugent stützen kann. „Horst hat sich dem Erhalt alter Birnen-, aber auch Apfelsorten gewidmet und nach seinem Tod vor fast 20 Jahren hat mir seine Witwe die überaus wertvollen Aufzeichnungen überlassen. Ein ungemein informatives Werk, das über vieles Antworten gibt“, ist Dietrich immer wieder begeistert. „Nugent hat alles gesammelt, was es an Obstliteratur zu finden gab. Bücher von Mitte des 19. Jahrhunderts ebenso wie eine Sammlung der Schriftenreihe ,Nach der Arbeit‘ aus den 1930er- und 1940er-Jahren. Da wurden Hunderte Sorten ausführlich beschrieben und bildlich dokumentiert.“

Die Arbeit des Pioniers weiterzuführen sei ihm eine ehrende Verpflichtung betont Dietrich, und er engagiert sich mit viel Energie für den Erhalt der Streuobstwiesen und alten Sorten.

2860 Muster geprüft

Hilfreich ist für die Sortenbestimmung auch das von ihm initiierte Interreg-IIIA-Projekt „Erhalt alter Kernobstsorten im Bodenseeraum“, mit dem Fachleute aus Vorarlberg, Liechtenstein, der Ostschweiz und dem süddeutschen Raum drei Jahre lang beschäftigt waren. Nicht weniger als 2860 Muster wurden dabei geprüft und die Ergebnisse digital katalogisiert und u. a. bei einem mehrtägigen Workshop in Schloss Hofen präsentiert und diskutiert.

Namenlose Brand-Rarität

Hilfreich ist Dietrichs Fachwissen hin und wieder auch im Vorarlberger Verkosterkreis, einer Plattform für Brenner, die sich in dieser Vereinigung zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch treffen. „Erst kürzlich hat mir dort jemand eine Edelbrand-Rarität gezeigt, für die er keinen Namen hatte, weil er die verwendete Obstsorte nicht kannte. Ich konnte ihm schnell Auskunft geben, nachdem er mir die Frucht gezeigt hat“, schmunzelt der Experte.

Eine Win-win-Situation

Doch nicht nur bei der Sortenbestimmung kann Dietrich helfen, er hat auch Rat und Tipps parat, wenn er generell um Hilfe gebeten wird. Feldkirchs Altbürgermeister Wolfgang Berchtold hatte große Probleme mit seiner Streuobstwiese. Der Grund war schnell gefunden, „auch Streuobst muss gepflegt und richtig gedüngt werden.“ Auch hier konnte der Experte helfen – so wie in vielen anderen Fällen. Aber was hat er selbst davon, wenn er viel Zeit und Energie für seine Kundschaft aufwendet? „Mir ist wichtig, dass ich Mitstreiter für den Erhalt der Hochstammwiesen gewinnen kann und manchmal bin ich froh und dankbar, dass ich von ganz seltenen Sorten Material zum Veredeln bekomme“, sieht Dietrich in seiner Tätigkeit auch eine Win-win-Situation. STP

In seinem Garten züchtet Dietrich eine Vielfalt selten gewordener alten Sorten.
In seinem Garten züchtet Dietrich eine Vielfalt selten gewordener alten Sorten.

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