Kriegsveteran Josef : “Das letzte Wort hat die Liebe”

Vorarlberg / 17.11.2020 • 13:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kriegsveteran Josef : "Das letzte Wort hat die Liebe"
Josef und Sigrid verliebten sich im Altersheim ineinander. Seit drei Jahren sind sie ein Paar. KUM

Mit 94 Jahren weiß Josef Waibel mehr vom Leben als viele andere Menschen. Eine VN-Reportage.

Bregenz Josef Waibel schlägt die VN auf und liest Sigrid (92) vor, wer in den vergangenen Tagen gestorben ist.  Sigrid ist altersblind und seit drei Jahren an der Seite von Josef. Das Paar lernte sich im Sozialzentrum Weidach kennen. „Josef und ich mögen uns sehr. Er kommt immer gleich, wenn ich ihn anrufe. Ihm ist nichts zu viel. Er hilft mir zum Beispiel bei den Mahlzeiten, tut mir das Essen auf den Löffel“, zeigt die 92-Jährige auf, dass ihr Liebster ihr im Alltag eine große Stütze ist. Aber auch Josef, der auf einen Rollator angewiesen ist, ist um Sigrid froh. „Sie stützt mich und gibt mir beim Gehen Halt.“

Mit Sigrid hat das Leben von Josef einen neuen Sinn bekommen. „Solange ich ihr helfen kann, lebe ich gerne.“ Josef ist 94 Jahre alt. Nach so vielen Lebensjahren weiß man mehr vom Leben als die meisten anderen Menschen. Der betagte Mann hat vom Leben gelernt, „dass man einander helfen soll“. Menschlich zu sein und Nächstenliebe zu praktizieren hält er für das Wichtigste im Leben.

“Die Herzen der russischen Frauen waren übervoll mit Liebe.”

Josef Waibel, Kriegsteilnehmer

Als Kriegsgefangener in Stalingrad erfuhr der Wolfurter inmitten der Unmenschlichkeit Menschlichkeit. Einige russische Frauen machten ihm die Gefangenschaft erträglicher: Tamara zum Beispiel, die Leiterin eines Arbeitstrupps, dem die Gefangenen zugeteilt waren, ließ ihm immer Essen zukommen. „Und ich fütterte von meinem Essen Mitgefangene durch.“  Zwei andere junge Russinnen – Krankenschwestern – retteten ihm das Leben, als er schwerstkrank im Lazarett lag. „Ich war fast tot. Sie haben sich andauernd um mich gekümmert und mich aufgepäppelt.“  Noch heute ist Josef angerührt von der Menschlichkeit dieser Frauen. „Ihre Herzen waren übervoll mit Liebe.“ Der alte Mann bedauert, dass nicht alle Menschen ein solches liebendes Herz haben. „Es wäre besser, wenn es alle hätten. Dann sähe es auf der Welt anders aus.“

Der gegenwärtige Zustand der Welt macht ihm Sorgen. „Wir stehen am Beginn einer schlimmen Zeit. Es sieht nach einem dritten Weltkrieg aus.“ Josef hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt. „Krieg ist furchtbar.“ Als Soldat fragte er sich, warum er Menschen umbringen sollte, die er nicht kannte. „Ich haben niemanden getötet. Wenn ich schießen musste, schoss ich in die Luft.“  

Aus dem Krieg Lehren gezogen

Seine Erlebnisse im Krieg und in der Gefangenschaft behielt er nicht wie viele andere für sich, sondern schrieb ein Buch darüber. Als Überlebender des Krieges fragte er sich: „Was kann, was muss man den Menschen sagen?“ Josef zog folgende Lehre aus dem Krieg: „Man muss tolerant sein gegenüber seinen Feinden. Sie sind Menschen wie wir und lieben das Leben genauso wie wir.“ Wenn sein Buch aber eine Botschaft hat, dann die: „Das letzte Wort hat die Liebe, und nicht der Hass. Das letzte Wort hat Gott. Und Gott ist die Liebe.“

Josef als junger Soldat. Der Hak-Schüler musste kurz vor der Matura einrücken.
Josef als junger Soldat. Der Hak-Schüler musste kurz vor der Matura einrücken.

Mit dem Erlebnisbericht wollte der Kriegsteilnehmer ein klein wenig Menschlichkeit weitergeben. Deshalb schrieb er nicht nur über das Schlechte, das ihm widerfuhr, sondern auch über das Positive. Freilich: Seine Erinnerungen berichten auch von Menschen, die es nicht gut mit ihm meinten. „Ich fragte unsere strenge Aufseherin Olga einmal, warum sie so schlimm zu uns Gefangenen ist. Da fing sie an zu weinen. Schluchzend erzählte sie mir, dass Deutsche ihr Baby getötet hätten, indem sie es mit voller Wucht an eine Mauer warfen.“

Seine Gefangenschaft und sein langes Leben lehrten ihn aber, dass es inmitten trostloser Dunkelheit Lichtblicke gibt und dass das Leben – egal, was passiert – immer weiter geht. Der Kriegsveteran musste zwei Ehefrauen zu Grabe tragen. Nie hätte er gedacht, dass er im hohen Alter noch einmal eine Liebe erleben darf.

Josef Waibel zeigt sein Buch her. Die zynische Antwort des russsischen Lagerkommandanten auf bange Fragen nach der Zukunft gab dem Buch den Titel: "Wir haben euch nicht gerufen, ihr seid von selbst gekommen und habt euch nicht als Freunde aufgeführt."
Josef Waibel zeigt sein Buch her. Die zynische Antwort des russsischen Lagerkommandanten auf bange Fragen nach der Zukunft gab dem Buch den Titel: "Wir haben euch nicht gerufen, ihr seid von selbst gekommen und habt euch nicht als Freunde aufgeführt."

Heute kann sich der 94-Jährige ein Leben ohne Sigrid nicht mehr vorstellen. Seiner Liebsten ergeht es ähnlich. „Josef und ich beten darum, dass wir miteinander sterben können, in derselben Stunde.“  Die 92-Jährige hat keine Angst vor dem Tod. „Wenn ich sterbe, sterbe ich. Ich habe viele Jahre gelebt und hatte ein schönes Leben. Einmal ist es aus.“ Deshalb ängstigt sie sich auch nicht vor dem Coronavirus.  Auch Josef flößt das Virus keine Angst ein. „Ich habe schon eine Lungenentzündung und Malaria überlebt, und dies ohne jegliche medikamentöse Behandlung. Da dürfte ich mit dem Coronavirus auch fertig werden.“

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