Der Tunnel hat einen Ausgang

Vorarlberg / 19.11.2020 • 18:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Krisen muss man ernst nehmen und sich helfen lassen, betont Reinhard Haller.Haller
Krisen muss man ernst nehmen und sich helfen lassen, betont Reinhard Haller.Haller

Für Reinhard Haller ist Corona ein antinarzisstisches Virus. Wege aus der Krise? Die gibt es.

Bregenz Was ist das überhaupt, eine Krise? Wir gebrauchen das Wort längst inflationär: „Da gibt es Lebenskrisen und Existenzkrisen, Krisen in der Partnerschaft, Krisen des Alters und der Jugend. Jeder bekommt seine Krise. Dabei sind wir krisenresistent, weil krisenerfahren.“ Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller beendet seine Aufzählung mit einem Satz, „den sie sicher schon gar nicht mehr hören können, dass Krise nämlich immer auch eine Chance darstellt“. Für die Ökumenischen Gespräche 2020 dröselt er diesen Begriff noch einmal auf, der durchaus Talent zum Unwort des Jahres hätte. Denn Krise ist zunächst „eine gefährliche Entwicklung, eine Verschlechterung“. Sie markiert den Höhepunkt eines Konfliktes oder den entscheidenden Moment im Verlauf einer Krankheit. „In der griechischen Medizin bezeichnet Krise den Wendepunkt zum Leben oder zum Tod.“ Traditionelle chinesische Ärzte verwenden für Gefahr und Chance dasselbe Zeichen wie für Krise.

Krisen können massenmedial wirksam durch Terror und Seuchen über uns kommen. Oder sie schwelen nach außen hin wenig sichtbar durch Kränkungen, die den Menschen bis an den Rand seiner Existenz bringen können. Was bewirkt die Krise? „Vor allem ein Gefühl der völligen Verunsicherung, des ausgeliefert Seins.“ Es zeigt sich durch Zittern, im Schwindel, „man kann nicht mehr schlafen“. Der „Wunsch nach der großen Ruhe“, nach dem definitiven Schlaf, erwacht im Extremfall – der Wunsch nach dem Tod.

Impulsdurchbrüche

„Eine Krise erschüttert immer unseren Selbstwert“, sagt Haller. „In der Krise fühle ich mich verlassen, nicht mehr geliebt.“ Wollte er Krisen in Phasen einteilen, setzt Haller an den Anfang den Schock. „Dann folgen die Reaktion und Verunsicherung, dann aber auch die der Neuorientierung.“ Impulsdurchbrüche prägen diese Phasen, „man verliert leicht die Nerven“. Schlummernde Krankheiten können wieder ausbrechen. „Suchtmittelmissbrauch im Sinne einer Selbsttherapie“ ortet Haller gerade im Coronajahr 2020: Der verbreitete Alkoholmissbrauch spricht Bände.

Enorm wichtig ist es, „alle Möglichkeiten der Hilfe anzunehmen“. Was können Betroffene selber tun? „Wir sollten Krisen als natürliche Warnreaktionen betrachten. In der Krise sieht man immer nur das Negative. Dabei müssen wir gerade in der Krise unsere gesunden Anteile in den Vordergrund stellen, unsere Stärken.“ Nur so erkennt der krisengebeutelte Mensch: „Jeder Tunnel hat einen Ausgang.“

Tatsächlich birgt die Krise auch Gewinne: „Selbstverständlichkeiten werden mehr geschätzt, Freunde werden wichtig, wir nutzen unsere Zeit besser.“ Alles wird ein Stück weit relativer. In diesem Sinn ist vor allem die Coronakrise auch „ein antinarzisstisches Virus“. Sie weckt in uns „mehr Toleranz und Verständnis für andere“. Sie zeigt uns Wege, die wahren, stabilen Werte zu finden. Worte des großen Psychologen Viktor Frankl fand Haller seit jeher hilfreich: „Wenn man eine Krise selbst verschuldet hat, dann ist wichtig: Der Mist, den man gebaut hat, ist der beste Dünger für eine wunderschöne neue Pflanze.“ Auch bei Frankl, der selber im Konzentrationslager gelitten hat, las Haller den Satz: „Die Mitternacht, der Tiefpunkt der Dunkelheit, ist immer der Beginn eines neuen Tages.“ TM

Information

Die Ökumenischen Gespräche der Katholischen Kirche in Bregenz und der Evangelischen Pfarrgemeinde Bregenz finden in Kooperation mit dem Ökumenischen Bildungswerk und den VN statt. Alle Vorträge finden Interessierte unter evang-bregenz.at.

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