Seelsorger und Unternehmer

Vorarlberg / 20.11.2020 • 16:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Pater Nathanael: Sein Name ist als 67. Propst der Propstei St. Gerold im Großwalsertal untrennbar mit Vorarlberg verbunden.Hronek
Pater Nathanael: Sein Name ist als 67. Propst der Propstei St. Gerold im Großwalsertal untrennbar mit Vorarlberg verbunden.Hronek

Dr.-Toni-Russ-Preisträger Pater Nathanael Wirth, Propst von St. Gerold, gestorben.

Schwarzach Am Donnerstag, 19. November 2020, ist der Benediktinerpater Nathanael Wirth mit 90 Jahren im Kloster Einsiedeln im Kanton Schwyz gestorben. Am 1. November konnte er noch in der Gemeinschaft seinen 90. Geburtstag feiern.

Sein Name ist als 67. Propst der Propstei St. Gerold im Großwalsertal untrennbar mit Vorarlberg verbunden. In jahrzehntelanger Aufbauarbeit hat er die Propstei zu einem blühenden Unternehmen, das schuldenfrei und für den laufenden Betrieb selbsttragend ist, sowie zu einer sinnerfüllenden Begegnungsstätte mit einer weiten Ausstrahlung gemacht.

Im Jahre 1999 wurde Pater Nathanael für sein Wirken als Seelsorger und Unternehmer mit dem Dr.-Toni-Russ-Preis und -Ring ausgezeichnet. Sein Lebenswerk, darin waren sich dabei alle einig, sei ein erfrischendes Kontrastprogramm zu allem Kleinmut und zu aller Kleingeisterei sowie jeder Art von Engstirnigkeit. Der Festredner, der Priester und Psychoanalytiker Dr. Arnold Mettnitzer, unterstrich, mit Pater Nathanael werde eine Priesterpersönlichkeit geehrt, die die Sorge um die Seele des Menschen als ganzheitliche Aufgabe versteht.

Heute umfasst die Propstei neben der Pfarre einen sorgfältig restaurierten Gebäudekomplex mit alter und neuer Kunst, ein Gästehaus, ein Restaurant, eine Reithalle sowie ein Hallenbad. Ein Begegnungszentrum vermittelt unter anderem Kurse für Lebenshilfe, Management und Meditation. Mit Konzerten, Theater und Ausstellungen zieht ein faszinierendes Kulturprogramm jährlich Gäste aus aller Welt ins Großwalsertal. Ein eigenes Sozialwerk ermöglicht auch Bedürftigen einen Erholungsaufenthalt in der Propstei. Das unterstreicht das stete soziale Engagement von Pater Nathanael. Mit einem Hippotherapiezentrum wurde eine weitere wichtige Hilfe für die Behinderten geschaffen. Damit zeigt sich die Propstei heute als weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte und geschätzte Perle benediktinischer Kultur und Gastfreundschaft.

Als alles begann . . .

Am 15. September 1958 kam Pater Nathanael Wirth nach St. Gerold. Der junge Vikar der Pfarrei Einsiedeln hatte sich so verausgabt, dass er vom Abt zur Erholung nach Vorarlberg geschickt wurde. Was ursprünglich als Erholungszeit gedacht war, dauerte schließlich über 50 Jahre. In St. Gerold fand Pater Nathanael eine aufgrund der Kriegsfolgen desolate Klosteranlage vor. Ein paar ältere Mitbrüder und zwei treue Dienerinnen, Lisa und Klementine, halten Küche, Haus und Garten in Ordnung. Da der ehemalige Propst, Pater Iso Schlumpf, wenige Wochen später krank wird, kümmert sich der junge Pater Nathanael darum, „dass der Karren läuft“. Nach zwei Jahren erhält er ein Schreiben des Abtes, adressiert an den „Propst Pater Nathanael“. Jetzt war ihm klar, dass er von nun an für die Propstei verantwortlich ist. Er war auch Pfarrer von St. Gerold. Am 10. Jänner 2010, nach 51 Jahren unermüdlicher Tätigkeit, kehrte Pater Nathanael in seinem 80. Lebensjahr ins Kloster Einsiedeln zurück.

Bei seiner offiziellen Verabschiedung in der Gemeinde St. Gerold überreichte Landeshauptmann Herbert Sausgruber an Pater Nathanael das Silberne Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg. Das Land würdigte damit die jahrzehntelange Aufbauarbeit von Pater Nathanael. Die Propstei sei heute der größte Arbeitgeber in der Gemeinde und der Propst von St. Gerold habe auch an der Aufnahme des Biosphärenparks Großes Walsertal in die Unesco-Liste der weltweiten Lebensraumreserven einen wesentlichen Anteil gehabt, sagte LH Sausgruber. Pater Nathanael war auch über die Gemeindegrenzen von St. Gerold hinaus als „Regionalpolitiker“ bekannt. Dabei verhalf er kämpferisch den Interessen des Großwalsertales zum Durchbruch.

Mensch im Mittelpunkt

Geboren wurde Pater Nathanael Wirth am 1. November 1930 als fünftes von acht Kindern einer Bauernfamilie in Berg bei Thurgau in der Schweiz. Er besuchte das Benediktiner-Gymnasium in Samen und maturierte dort 1950. 1951 trat er in das Benediktinerkloster Einsiedeln ein und absolvierte in der klostereigenen Hausfakultät theologische und philosophische Studien. Nach einem Jahr Seelsorge in Einsiedeln wurde er 67. Propst in St. Gerold. Er ist heute der längstdienende Propst in der Geschichte des altehrwürdigen Klosters.

Eine wichtige Erkenntnis für ihn als Unternehmer war stets: „Gewinn ist nichts Schlechtes, aber bei allem Wirtschaften muss der Mensch im Mittelpunkt stehen.“

Übergabe des Dr.-Toni-Russ-Preises 1999 durch Herausgeber Eugen Russ. VN
Übergabe des Dr.-Toni-Russ-Preises 1999 durch Herausgeber Eugen Russ. VN

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.