Testungen schrecken Lehrer

Vorarlberg / 22.11.2020 • 19:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Willi Witzemann erhält dieser Tage sehr viele Mails. Land
Willi Witzemann erhält dieser Tage sehr viele Mails. Land

Willi Witzemann glaubt, dass im Lockdown bald noch mehr Schüler Betreuung wollen.

Bregenz Zu den ersten „Opfern“ der vorgesehenen Corona-Massentestungen zählen die Lehrer. In Vorarlberg freut das viele Pädagogen nicht wirklich. Sie haben viele Fragen. Ansonsten klappt das etwas andere Schulleben im zweiten Lockdown recht ordentlich, wie Lehrervertreter Willi Witzemann (61) im VN-Interview einräumt.

 

Die Massentestungen stehen kurz bevor. Auch die Lehrer sollen sich freiwillig dieser Prozedur unterziehen. Wie wird das angenommen?

Witzemann Ich erhalte ständig Mails von verunsicherten Kollegen, die alles andere als begeistert sind. Vor allem die Art der Kommunikation hat wieder für Verärgerung gesorgt. Wir mussten einmal mehr alles aus den Medien erfahren. Die Kollegen haben viele Fragen. Zum Beispiel: Was passiert mit meinen persönlichen Daten? Kann man mich belangen, wenn ich mich nicht testen lasse? Bekommt der Direktor eine Liste jener Lehrer, die sich testen lassen? Wie sicher sind die Tests?

 

Wie stehen die Kolleginnen und Kollegen grundsätzlich zum zweiten Lockdown an den Schulen?

Witzemann Bei über 6000 Lehrerinnen und Lehrern scheiden sich bei dieser Frage die Geister natürlich. Die Mehrheit wäre allerdings für die Offenhaltung der Schulen gewesen. So wie das eigentlich alle Experten auch empfohlen haben. Aber der Kanzler hat diesbezüglich eine einsame Entscheidung getroffen. Nicht zum ersten Mal.

 

Was läuft bei diesem Lockdown besser als im Frühjahr, was schlechter?

Witzemann Wir wurden vom Lockdown nicht mehr so überrascht wie im Frühjahr, die Hygienestandards sind implementiert, es wurden die Systempartner schnell an einen Tisch geholt, es hat die Kommunikation im Land zwischen Bildungsdirektion, Gesundheitsabteilung und den Schulen gut funktioniert. Was wieder nicht funktioniert hat war die Übermittlung der Gesetze und Verordnungen aus Wien. Die waren wenig kundenfreundlich. Auch die Auslegung des Betreuungsanspruchs war nicht klar klar definiert. Zudem fehlt uns die Konsequenz: Schulen müssen schließen, Betriebe nicht. Obwohl die Ansteckungsgefahr bei Letzteren genauso gegeben ist.

 

Zur Verfügungstellung von Infrastruktur, Betreuung, Förderunterricht, regulären Unterricht: Was gibt’s an den Schulen trotz Lockdown derzeit vor allem?

Witzemann Es gibt Lerninseln mit kleinen Gruppen, die in den überwiegenden Fällen Teil eines bereits bestehenden Klassenverbandes sind. In denen wird hauptsächlich normal unterrichtet. Natürlich mit Schwerpunkt auf Wiederholungen, aber es werden ergänzend dazu neue Inhalte vermittelt.

 

Rechnen Sie damit, dass die Betreuung der Kinder an den Bildungsstätten in den verbleibenden zwei Lockdown-Wochen noch stärker in Anspruch genommen wird?

Witzemann Ich rechne damit, dass an den Volksschulen bis zu 50 Prozent der Schüler kommen werden. Es wird auch an den Mittelschulen die Frequenz steigen. Stellen Sie sich nur vor: Da sind Schüler in der Schule, andere zu Hause. Doch die wollen mit ihren Kollegen zusammen sein. Das können sie nur in der Schule.

 

Welche Kolleginnen und Kollegen sind derzeit am meisten belastet?

Witzemann Am meisten belastet sind jene, die vor Ansteckungen Angst haben. Auch schwangere Kolleginnen sind verunsichert. An den Kindergärten will man, dass diese zu Hause bleiben. An den Schulen sagt man, dass sie am wenigsten gefährdet sind. Und dann sind da die Pädagoginnen und Pädagogen, die in den Sonderschulen auch jetzt Präsenzunterricht haben. Die müssen mit ihren Schülern zum Teil aufgrund der Umstände in körperlichen Kontakt treten. Das ist trotz Maskentragen sehr anstrengend.

 

Gibt es immer noch Lehrer, die sich vor dem digitalen Fernunterricht drücken?

Witzemann Mir ist nichts davon bekannt. Sehr wohl weiß ich, wie Kolleginnen und Kollegen sich untereinander unterstützen. Da gehen digital versierte Pädagogen jenen Kollegen zur Hand, die digital nicht so fit sind. Das ist sehr schön zu beobachten.

 

Die Elternvertretung ist voll des Lobes für die Lehrer. Was nehmt Ihr als die größten Sorgen der Eltern wahr?

Witzemann Viele Eltern haben vor der sozialen Isolation ihrer Kinder Angst. Die Kinder sollten ja weder ihre Klassenkollegen sehen, noch ihre Nachbarn. Im Bereich Sekundarstufe eins geht das ja noch halbwegs, bei den Volksschulkindern ist es jedoch um einiges schlimmer.

 

Ist die Schutzausrüstung für Lehrer nun in ausreichendem Maß vorhanden?

Witzemann Ich habe vernommen, dass die geforderten FFP 2-Schutzmasken an den Schulen endlich angekommen sind.

 

Was wird für die Lehrer von der Coronakrise bleiben?

Witzemann Ein sehr starkes Gemeinschaftsgefühl. Dass man füreinander da ist. Ich denke aber auch, dass diese Krise viele Pädagoginnen und Pädagogen grundsätzlich vorsichtiger macht.

Zur Person

Der gelernte Volksschullehrer Willi Witzemann ist seit vier Jahren höchster Vertreter der rund 6000 Pflichtschullehrer im Land. Er kommt aus Altach und ist 61 Jahre alt. Witzemann ist verheiratet und hat vier Kinder.

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