Die Fragezeichen der Massentests

Vorarlberg / 23.11.2020 • 05:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Fragezeichen der Massentests
Antigen-Schnelltests sollen helfen, eine Momentaufnahme der Verbreitung des Coronavirus in Österreich zu zeigen. AFP

Für einen Erfolg braucht es eine rege Teilnahme sowie eine relativ genaue Schätzung der Dunkelziffer.

Schwarzach Massentests sind die neue Ampel. Während im Sommer lange Zeit die Ampel als Wundermittel im Kampf gegen die Pandemie angepriesen wurde, sollen es nun Massentests richten. Die Slowakei hat es vorgemacht, Südtirol testet aktuell seine Bevölkerung. Geht es nach der Bundesregierung, sollen auch alle Österreicher getestet werden. Freiwillig, wie es heißt. Als Erstes sind die Lehrer dran, anschließend Polizisten und Gemeinden mit hohen Fallzahlen. Vor Weihnachten soll der große Test starten. Allerdings ist noch vieles unklar. Die Gesundheitslandesräte richteten am Freitag viele Fragen an die Regierung. Vorarlbergs Landesrätin Martina Rüscher erklärte den VN, nicht mehr zu wissen als in den Medien steht. Heute, Montag, sollen in einer Videokonferenz den Ländervertretern die fertigen Pläne präsentiert werden. Gesundheitsexperte Armin Fidler ist noch nicht ganz überzeugt. „So etwas ist sehr komplex. Da gibt es viele Aspekte zu berücksichtigen.“

Rege Teilnahme wichtig

Für den Massentest werden nicht die klassischen PCR-Tests verwendet, sondern Antigen-Schnelltests, die nach wenigen Minuten bereits ein Ergebnis anzeigen. Nicht Virusfragmente werden nachgewiesen, sondern Oberflächenmoleküle, die zeigen, dass das Virus im Körper ist. Die Slowakei sollte nicht als Vorbild dienen, man kann aber viel daraus lernen, betont Fidler. „Da hat einiges nicht funktioniert.“ Allerdings war die Rate derer, die sich testeten, sehr hoch; wer nicht freiwillig erschien, musste nämlich in Quarantäne. Zwangsmaßnahmen wie diese seien bei uns allerdings wohl nicht möglich, führt Fidler aus. Man müsse die Leute anders dazu bringen, sich testen zu lassen. „Man gibt Millionen aus und weiß nicht, wie groß die Akzeptanz ist. Aber wenn zu wenig Leute mitmachen, ist das Resultat fragwürdig. Wir bräuchten möglichst alle.“

Dunkelziffer schätzen

Neben vielen Teilnehmern benötigt ein Massentest für ein brauchbares Ergebnis eine relativ genaue Schätzung von potenziell falschen Ergebnissen. „Die Vortestwahrscheinlichkeit, nämlich der Anteil der Asymptomatischen in der Bevölkerung, ist ein wichtiger Faktor. Man sollte ungefähr wissen, wie hoch der ist, um das Ergebnis richtig interpretieren zu können. Wir können das aber derzeit nur grob schätzen.“ Bei falsch positiven Tests könnte es geschehen, dass eine Person ohne Virus abgesondert wird. „Das verursacht große Kosten für das Individuum und die Gesellschaft und mögliche rechtliche Konsequenzen für den Staat“, warnt der Experte für Public Health. Wahrscheinlich sei es sinnvoll, positive Tests mit einem PCR-Test nachzuprüfen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat das bereits angekündigt.

Preis und Leistung

Zudem werden Logistik und Personal benötigt. Alles zusammen sei eine Kosten-Nutzen-Rechnung, sagt Fid­ler. „Wenn ich über 50 Millionen Euro ausgebe, muss ich die Frage stellen: Was bekomme ich dafür? Wäre es nicht sinnvoller, ich investiere diese Ressourcen in ein top ausgebildetes und ausgerüstetes Team für Test-Trace-Isolate in den nächsten zwei Jahren?“ Dann sollte Testen, Kontaktverfolgung und Isolieren innerhalb von 24 Stunden konsequent möglich sein. „Das haben wir bisher kaum geschafft. Vielleicht wäre das Geld dort nachhaltiger investiert als in ein Testgeschehen mit ungewissem Ausgang.“

Um zu sehen, wie die Massentests in Südtirol funktionieren, hat das Gesundheitsministerium Vertreter des Corona-Krisenstabs nach Italien geschickt. “Es zeigt sich, dass wir aus den Erfahrungen einiges lernen können – vor allem, dass eine durchgehende Digitalisierung, deren Funktionsfähigkeit und die richtige Kommunikation entscheidend sind”, berichtet Gesundheitsminister Anschober. Der am Freitag begonnene Massentest in Südtirol wurde am Sonntag fortgesetzt. Von den 350.000 Menschen, die zum Test aufgerufen wurden, nahmen bereits mehr als 270.000 teil. Ein Prozent wurde positiv getestet.

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