Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Risikogruppen, das sind immer die anderen

Vorarlberg / 23.11.2020 • 22:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die zweite Coronawelle, die viele leider erst wahrhaben wollten, als sie das Land schon erfasst hatte, bringt schreckliche Bilder mit sich. Auch in den Einrichtungen für ältere Menschen und Pflegebedürftige. Mehr als die Hälfte aller Covid-Opfer in solchen Institutionen (323 von 607) verzeichnete man nun in den vergangenen 40 Tagen. Laut einer Anfragebeantwortung von Gesundheitsminister Rudolf Anschober waren mit 12. November 38 Prozent (607) aller Corona-Todesopfer (1.608) in Alten- und Pflegeeinrichtungen zu beklagen. Burgenland, Niederösterreich und Oberösterreich ringen derzeit am meisten mit hohen Opferzahlen, doch der Schutz der Älteren ist für alle Bundesländer eine große Aufgabe.

Es widerspricht dem Wesen einer freien, demokratischen Gesellschaft, ältere Menschen oder jene mit Handicaps an den Rand zu drängen – und dennoch passiert das, oft zum Schutz der sogenannten „Risikogruppe“, in der Praxis: Alte Menschen, die alleine zu Hause leben, können jetzt natürlich nur wenig Kontakt zu Familie und Außenwelt haben; die in den Einrichtungen lebenden Älteren unterliegen nun wieder strengen Besuchs- und Hausregeln. Im ersten Lockdown des Jahres waren sie wochenlang praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, die Türen der Institutionen blieben verschlossen – ein Albtraum für viele Betroffene und ihre Angehörigen.

Natürlich sind Sicherheitsmaßnahmen essenziell, genauso wie regelmäßige Coronatests von Personal, Bewohnerinnen und Bewohnern. Eines ist allerdings auch klar: Den Widerspruch zwischen Schutz der „Risikogruppe“ und einem Rest von persönlicher Freiheit für die Älteren kann man nie wirklich auflösen. Es geht immer um das Abwägen von Maßnahmen und ihren Folgen. Ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr viel Lebenszeit vor sich haben, sollten in der Debatte nicht nur als „Risikogruppe“ wahrgenommen werden, die manche Jüngeren am liebsten am Rand sehen würden, ordentlich verwahrt und abgeschottet. Ohne das Recht, ein wenig hinauszugehen, ein bisschen (geschützten) Kontakt zu haben. Größtmöglichen Schutz zu ermöglichen, ohne ältere Menschen auszugrenzen, das ist jetzt eine der wesentlichen humanitären Aufgabenstellungen.

Dabei spielt, wie so oft, auch die Sprache eine Rolle. Die „Risikogruppen“, das sind immer die anderen, nicht die Jungen, glauben manche noch immer. Obwohl wir alle Risikogruppe sind. Auch viele Menschen unter 65 Jahren erleben schwere Krankheitsverläufe, gesundheitliche Schäden oder sterben an Covid-19. Die „Risikogruppe“ lebt nicht nur im „Heim“ – auch ein Bild der Vergangenheit, wenn man sich Pensionisten-Wohnhäuser heute ansieht – das sollte man im Monat 9 der Pandemie endlich begreifen.

„Es widerspricht dem Wesen einer freien, demokratischen Gesellschaft, ältere Menschen oder jene mit Handicaps an den Rand zu drängen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt

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