Wenn sich das Leben plötzlich wendet

Vorarlberg / 25.11.2020 • 18:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jelle Zandveld verschlug es nach Vorarlberg und nicht nach Amerika.
Jelle Zandveld verschlug es nach Vorarlberg und nicht nach Amerika.

Ein Verkehrsunfall durchkreuzte die Pläne eines Ehepaares, das in die USA auswandern wollte.

Vandans Das Leben lässt sich nicht planen. Denn oft hat es mit uns etwas anderes im Sinn. Der Niederländer Jelle Zandveld (55) wollte mit seiner Frau Astrid nach Amerika auswandern und sich in Colorado eine neue Existenz aufbauen. Dort hatte er als Austauschstudent ein Jahr lang gelebt. „Ich war 16 und habe die Highschool besucht. Damals wurde ich ein Fan der Amerikaner. Denn sie haben wirkliches Interesse am Menschen.“ Zurück in der Heimat ließ sich der supersportliche junge Mann, der im niederländischen Amercian-Football-Nationalteam spielte, zum Physiotherapeuten ausbilden – mit dem Hintergedanken, einmal im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ seinen Beruf auszuüben. „1992 wollten Astrid und ich nach Amerika ziehen. Es war schon alles fix, wir hatten bereits die Green Card und eine Arbeitsstelle.“ Aber es kam anders als gedacht. Ein Verkehrsunfall zerstörte die Pläne des jungen Paares. Der 25. Juli 1991 wurde für Jelle Zandveld zum Schicksalstag: „Ich war mit dem Motorrad unterwegs. Eine Autofahrerin übersah mich und schoss mich ab.“ Jelle erlitt bei dem Crash schwere Verletzungen. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde seine rechte Hand. „Sie war mehrfach gebrochen.“ Was das für jemanden bedeutet, der mit seinen Händen arbeitet, wurde ihm bald darauf klar. „Die Firma in Amerika hatte Probleme, mich zu versichern. Eine Krankenversicherung wurde nicht akzeptiert, weil das Risiko zu hoch war, dass ich ausfalle.“ Amerika war nun unerreichbar weit weg. „Zuerst war ich enttäuscht und wütend.“ Aber Jelle erkannte schnell, dass es einen nicht weiterbringt, wenn man in der Negativität stecken bleibt. „Ich akzeptierte mein Schicksal und überlegte mir, zusammen mit meiner Frau, neue Wege.“ Das Paar hielt an seinem Auswanderungsplan fest. „Wir erinnerten uns an die Österreich-Urlaube in unserer Kindheit. Ich war mit meinen Eltern in Tirol und Vorarlberg. Dort haben wir schöne Wandertouren gemacht“, erklärt Jelle, warum Österreich für ihn und Astrid zum neuen Sehnsuchtsland wurde. 1992 kehrte das junge Ehepaar seiner Heimat den Rücken und ließ sich in Vorarlberg nieder, nachdem Jelle eine Jobzusage von einem Physiotherapeuten in Götzis erhalten hatte. Die Auswanderer lebten sich im Ländle schnell ein. „Die Arbeit, die Menschen und die Umgebung gefielen uns. Die hiesigen Berge erinnerten mich an die Rocky Mountains.“ 1995 wagte Jelle den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnete eine Praxis in Bludenz.

Sportosteopath aus Leidenschaft

Als es ihm gelungen war, ein berufliches Standbein aufzubauen, gründete er eine Familie und baute in Vandans ein Haus. „Als ich zum ersten Mal ins Montafon kam, hatte ich das Gefühl, dass ich hier leben kann. Das Tal sprach mich gleich an.“ Um seinen Klienten noch besser helfen zu können, erweiterte der Physiotherapeut seine Kenntnisse und ließ sich zunächst zum Osteopathen und in der Folge zum Sport-osteopathen ausbilden. Österreichs einziger diplomierter Sportosteopath behandelt Hochleistungssportler genauso wie Hobbysportler. Dass Jelle Menschen mit seinen Händen helfen kann, ist eigentlich ein Wunder. Denn seine rechte Hand, die nach dem Verkehrsunfall zertrümmert war, ist seither nicht mehr so beweglich. Außerdem schmerzt sie ständig. Der zweifache Vater lernte mit den chronischen Schmerzen zu leben. „Sie sind ein Teil von mir.“ Das Wichtigste ist für ihn, dass er trotzdem arbeiten kann. Denn: „Ich liebe das, was ich tue. Ich bin leidenschaftlich gern Therapeut.“ Dass alles so kam, wie es kam und das Leben ihn nach Österreich führte und nicht nach Amerika, findet der 55-Jährige voll in Ordnung. Denn: „Ich freue mich darüber, wie mein Leben jetzt ist.“ Amerika fasziniert ihn aber nach wie vor. „Jedes Mal, wenn ich dort lande, überkommt mich ein Gefühl des Nachhausekommens. Wehmut kommt aber keine auf.“ VN-kum

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