Ein großes Kompliment!

Vorarlberg / 27.11.2020 • 17:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein großes Kompliment!

Seit Mitte August darf ich in Vorarlberg leben. Obwohl dieses Jahr ziemlich anders ist als gewohnt, bin ich gut angekommen. Selbstverständlich war ich bereits vorher oft hier. Schon vieles wusste ich über unseren – von Einsiedeln aus gesehen – nahen Osten. Aber so richtig entdecken kann man Volk und Land erst, wenn man dort Heimat hat und den Menschen begegnet. Wie werde ich immer wieder überrascht!

Die Gastfreundschaft – bis jetzt habe ich sie vor allem im Großen Walsertal erfahren dürfen – ist für Außenstehende unvorstellbar. Das Miteinander erlebe ich als völlig unkompliziert und sehr wohlwollend. Selbst in dieser Krisenzeit ist es problemlos, sich per Autostopp zum nächsten Bahnhof zu bewegen. Junge Leute und weniger junge Leute halten an und nehmen mich mit. Dabei zeigt die Erfahrung zur Genüge, dass es nicht von der auffälligen Kleidung abhängt und auch nicht vom Gepäck. Das konnte ich der letzten Musikgruppe in der Propstei in diesem Jahr mit versteckter Kamera demonstrieren. Die jungen Leute waren überzeugt, dass niemand auf jemanden wartet, der mit einem Contrabass am Straßenrand steht. Da täuschte sich die Gruppe aus den Herkunftsländern USA, Spanien, Italien und Frankreich ganz gehörig. Das erste Auto wartete. Was in der weiten Welt nicht denkbar ist, im Großen Walsertal ist es möglich! Als Mönch des Klosters Einsiedeln weiß ich natürlich um die großen Künstler aus Vorarlberg. Unser Mitbruder Caspar Moosbrugger (1656-1723) stammte aus der Gemeinde Au im Bregenzerwald. Viele Klöster und Kirchen hatten ihn als Architekten, so auch das Kloster Einsiedeln. Das Bild des Klosters ist von ihm geprägt, aber auch von unserem Mitbruder Jakob Natter (1753-1815), ebenfalls aus Au im Bregenzerwald. Er war der Architekt der Gnadenkapelle, die nach der Zerstörung durch die französischen Soldaten wieder aufgebaut werden musste. Auch heute ist die Zahl der Künstlerinnen und Künstler in Vorarlberg beeindruckend hoch. Einige darunter sind in der Propstei sehr präsent, zum Beispiel Architekt Hermann Kaufmann aus Reuthe, der Pionier im Lehmbau Martin Rauch aus Schlins, die Künstlerin Irene Dworak-Dorowin aus St. Gerold, der Schriftsteller Willibald Feinig aus Altach, die Keramikerin Theresia Bickel aus St. Gerold. Viele andere könnte ich hier aufzählen. Ich staune immer wieder.

Vieles, was in Vorarlberg daheim ist, hat eine nationale oder sogar internationale Ausstrahlung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das den meisten Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern gar nicht bewusst ist. Vieles ist in diesem Ländle so selbstverständlich. Das spricht für die Bescheidenheit der hier wohnenden Menschen, lässt aber auch vieles unter dem Schemel, was ins Licht gestellt werden sollte. Das gilt nicht nur für die Kunst, das gilt zum Beispiel auch für die Wirtschaft, für die Medienwelt und für die Kirche. Dazu ein sehr berührendes Beispiel. Der Liturgiekreis der Pfarrgemeinde Andelsbuch hat anfangs November das Fürbittbuch „wir bitten dich“ herausgegeben. Das Buch überzeugt inhaltlich, gestalterisch und in der Entstehungsgeschichte. Es gehört in alle Pfarren – nicht nur in Vorarlberg – für die Fürbitten an Sonn- und Feiertagen, belebt aber auch das persönliche Gebet. Aufgrund der Corona-Situation konnte die Vorstellung in der Öffentlichkeit nicht wie geplant stattfinden. Das darf in keiner Weise dazu führen, dass diese Perle unbeachtet liegenbleibt.

Auch in der Corona-Situation ist es ein Vorteil, in Vorarlberg daheim zu sein: Wir müssen nicht weit weg, um viel Beeindruckendes zu entdecken. Ein großes Kompliment! Hier darf ich Tag für Tag lernen, wozu uns Jesus zu Beginn der Adventzeit eindrücklich aufruft: „Seid wachsam!“ (Mk 13,37). Es lohnt sich, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.

P. Martin Werlen, Propst von St. Gerold

Franz Kälin

Franz Kälin

Zur Person

P. Martin
Werlen

Geboren 28. März 1962

Wohnort Propstei, St. Gerold

Laufbahn Lehrerseminar, Studium der Philosophie, Theologie und Psychologie

Benediktiner in Einsiedeln seit 1983, von 2001-2013 Abt des Klosters und Mitglied der Bischofskonferenz

Seit Mitte August 2020 Propst in St. Gerold

Publikationen zahlreiche Bücher zu den Themen Glaubenserfahrung und Reformen in der Kirche

Hobbys Lesen, Schreiben, Musik­hören, Natur, Kreativität

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.