Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Impfen oder nicht impfen? Das ist nicht die Frage

Vorarlberg / 30.11.2020 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich werde mich sicher impfen lassen, sobald möglich, im Vertrauen auf ordentlich getestete Impfstoffe. Und bisher habe ich noch mit niemandem in meinem näheren Umfeld gesprochen, der die Impfung verweigern will. Alles vernünftige Lüt.“ Dieses Bekenntnis schrieb ich kürzlich auf Twitter – und mehr habe ich nicht gebraucht: Es gab viel Zustimmung, aber auch viel Ablehnung: Ich sei dumm, ein Versuchskaninchen, hätte keine Ahnung von wildesten Nebenwirkungen und wäre bald tot. In der überreizten Atmosphäre der Pandemie reicht schon die Meinungsäußerung zu einer Impfung, um manche jede Contenance verlieren zu lassen.

Natürlich ist es verständlich, dass man in der Ausnahmesituation besonders sensibel auf eine Impfung reagiert, die innerhalb so kurzer Zeit entwickelt wurde – dennoch erschreckend, was aktuelle Umfragen wie jene von Unique Research für Österreich vorlegen: Demnach wollen sich 45 Prozent „ganz sicher“ oder „eher“ impfen lassen, aber 46 Prozent „eher nein“ oder „ganz sicher nicht“. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, müssten 60 bis 70 Prozent geimpft sein.

Wissenschaft und Politik sollten sich jetzt sehr bemühen, die Zweifelnden zu überzeugen, auf allen Kanälen, mit viel Diskussion – auch wenn man den Teil der Impfskeptiker mit Tendenzen zum Verschwörungsglauben wohl nicht mit Argumenten erreichen kann. Aber all die anderen schon: Mit transparenten Informationen über die Impfstoffe, die Versuchsreihen und mögliche Nebenwirkungen. Alle maßgeblichen Expertinnen und Experten gehen derzeit anhand der Datenlage von sicheren Impfstoffen aus, doch statistisch höchst seltene schwere Nebenwirkungen wie Narkolepsie können noch nicht gänzlich ausgeschlossen werden – diese Unsicherheiten wird man erst mit der längeren Begleitung der Probanden in den Impfstoff-Versuchsreihen hoffentlich ausschließen können.

Kein dubioses Machwerk

Häufigen Missverständnisse wie jenen, dass die RNA-Impfungen in die menschliche DNA eingreifen würden, muss man mit Aufklärung begegnen. Und klar sagen: Diese Impfstoffe sind kein dubioses Machwerk irgendwelcher Bösewichte, sondern können durch den Einsatz größter weltweiter Ressourcen, mit der Zusammenarbeit der Besten in der internationalen Wissenschaft, mit neuen Technologien und dem Abbau der Bürokratie in Abstimmungsprozessen so schnell realisiert werden.

Auch wenn jede und jeder selbst entscheiden muss: Impfen oder nicht impfen? Das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob wir einer gefährlichen Seuche, die jeden Tag unzählige Menschenleben fordert und zahlreiche andere mit Langzeitschäden zurücklässt, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft an den Rand des Kollapses bringt, mit allen Mitteln bekämpfen wollen oder nicht.

„Wissenschaft und Politik sollten sich jetzt sehr bemühen, die Zweifelnden zu überzeugen, auf allen Kanälen, mit viel Diskussion.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt

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