Birgit Entner-Gerhold

Kommentar

Birgit Entner-Gerhold

Verstaubte Rollenzwänge

Vorarlberg / 30.12.2020 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Coronakrise richtet viel Schaden an. Auch in Fragen der Gleichstellung ist sie nicht sonderlich hilfreich. Zumindest hat die Krise zutage getragen, wie fragil die Säulen sind, auf denen Gleichberechtigung gebaut worden ist. Brechen Strukturen von Kinder- bis 24-Stundenbetreung weg, bekommen das vor allem Frauen zu spüren. Viele wurden in eine andere Zeit zurückkatapultiert und in alte Rollenbilder gedrängt – sofern sie nicht schon dort gefangen waren.

Gehaltsschere, Pensionslücke, Frauenanteil in Führungspositionen oder der Politik sind nur einige zahlreicher Indikatoren, die beweisen, wie lang der Weg hin zur Gleichstellung ist. Unbestritten: vieles wurde erreicht. Es gibt die Fristenlösung für Schwangerschaftsabbrüche (1975), Frauen dürfen ohne Zustimmung des Mannes arbeiten (seit 1975), die Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar (seit 1989) und es gibt ein Gleichbehandlungsgesetz (seit 1993). 1990 hatte Österreich mit Johanna Dohnal seine erste Frauenministerin.

„Die Vision des Feminismus ist nicht eine ‚weibliche Zukunft‘“, sagte Dohnal. „Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und ohne Weiblichkeitswahn.“ Dort angekommen sind wir noch nicht. Dafür braucht es sowohl strukturelle Reformen als auch ein Umdenken. Zahlreiche Beispiele zeigen das, manche in aller Öffentlichkeit.

„Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“, fragten etwa zwei „Spiegel“-Journalistinnen die Virologin Sandra Ciesek zu ihrer Arbeit beim NDR-Podcast Coronavirus-Update, wo sie sich mit Christian Drosten abwechselt. Ciesek leitet das Institut für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Drosten ist Institutsdirektor an der Berliner Charité. Sie haben die gleiche Stellung. Dennoch wird Ciesek als „die Frau an der Seite von Drosten“ abgestempelt – wie der weitere Verlauf des Interviews zeigt.

Ein anderes verstörendes Beispiel aus 2020: Der Tiroler Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler bezeichnete WWF-Aktivistin Marianne Götsch in aller Öffentlichkeit als widerwärtiges Luder. Konsequenzen gab es dafür keine. Geisler gelobte lediglich Besserung. Er will „künftig sorgsamer mit den Dingen umgehen“ und „allen auf Augenhöhe begegnen“.

Das nächste Beispiel liest sich grausig: „A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache Oide wetzen“, schrieben Rapidler in großen Buchstaben auf einem grünen Banner. Zumindest für das Spiel musste dieser entfernt werden. Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek sah darin keinen Skandal, wie er dem Sender Sky erklärte. Das Anliegen des Transparents, wieder Zuschauer ins Stadion zu lassen, sei nachvollziehbar.

Weniger exponiert, aber doch beeindruckend, ist der Kurskatalog des BFI. Unter den vielen (unbestritten meist wichtigen) Fortbildungsangeboten findet sich ein Kurs mit dem Titel „Softskills für Frauen“. Inhalt: Das perfekte Outfit und Make-up. Ein männliches Pendant dazu gibt es nicht. Vielleicht ja 2021.

Besser wäre aber, das kommende Jahr dafür zu nutzen, sich im Sinne Johanna Dohnals in eine „menschliche Zukunft“ aufzumachen. Eine Zukunft, in der verstaubte Rollenzwänge und -bilder endlich der Geschichte angehören.

„Besser wäre, sich 2021 im Sinne Dohnals in eine ,menschliche Zukunft‘ aufzumachen.“

Birgit Entner-­Gerhold

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