„Corona ist ein guter Lehrmeister“

Vorarlberg / 31.12.2020 • 08:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
„Corona ist ein guter Lehrmeister“
Johannes Rauch sieht eine industrielle Revolution herannahen. VN/PAULITSCH

Rauch ist überzeugt: Im Klimaschutz braucht es so radikale Maßnahmen wie in der Pandemiebekämpfung.

Bregenz Nach der Krise ist vor der Krise: Grünen-Chef Johannes Rauch ist im VN-Interview überzeugt, dass die Menschen nach Corona die Klimakrise besser einschätzen können. Er befürchtet, dass ebenfalls radikale Maßnahmen notwendig sind.

Herr Rauch, wie haben Sie Weihnachten gefeiert?

Unspektakulär. Wir sind eine Großfamilie mit sechs Geschwistern. Aber es gibt kein Familientreffen. Einen Einzelbesuch bei meiner Mutter, das war’s.

Wie groß sehen Sie die Chance, dass Sie zu Weihnachten in einem Jahr eine Familienfeier abhalten können?

Wenn wir es schaffen, das erste Halbjahr halbwegs zu bewältigen und möglichst viele zur Impfung zu motivieren, dann halte ich es für möglich.

Beim Massentest hat es mit der Motivation nicht geklappt. Wie soll das bei der Impfung funktionieren?

Die Diskussion über das Impfen muss man auf Grundlage der österreichischen Bioethikkommission führen. Sie findet mehrere Gründe, warum es für eine Impfpflicht keine Veranlassung gibt. Impfen ist ein körperlicher Eingriff. Es fehlen die Erfahrungswerte. Deshalb ist es ein Angebot, das man aber nutzen soll. Ich würde dringend dazu raten. Eigentlich müssen wir froh sein, dass wir in Mitteleuropa die Ersten sind, die das Privileg haben, sich impfen zu lassen. Das Privileg, ein Stück Freiheit zurückzubekommen.

Wird es zu Weihnachten in einem Jahr wieder möglich sein, über andere politische Themen zu diskutieren?

Mich bewegt die Frage, wie die Welt nach Corona aussieht. Es ist noch nicht klar, was die Pandemie mit uns gesellschaftlich macht. Mein Enkel wächst mit der Wahrnehmung von Menschen mit Masken beim Einkaufen auf. Seit Monaten kann man nicht mehr im Wirtshaus sitzen und mit Freunden ein Bier trinken. Vereinsleben ist nicht mehr möglich, es findet kein gesellschaftliches Leben mehr statt. Die Menschen sind am Anschlag. Gleichzeitig kommen Transformationsprozesse in Gang.

Welche?

Bestimmte Dinge werden nie wieder so sein wie vorher. Manche werden versuchen, das Rad zurückzudrehen. Das wird sich nicht spielen. Ein praktisches Beispiel: Der Radverkehr hat durch Corona 15 bis 20 Prozent zugenommen. Da werden Zehnjahresentwicklungen gemacht. Die Transformation in der Automobilindustrie bekommt einen riesigen Schub. Die Zeit, die uns jetzt bleibt, das 1,5-Grad-Ziel von Paris zu erreichen, ist mit der Suche nach dem Impfstoff zu vergleichen. Eine kollektive Anstrengung mit Geld ohne Ende hat zum Impfstoff geführt. Die Klimakrise hat mindestens dieselbe Dimension. Corona zeigt, was möglich ist, wenn die Dringlichkeit erkannt wird. Bisher war das beim Klima nicht der Fall.

Braucht es also auch so radikale Maßnahmen wie bei der Pandemiebekämpfung?

Exakt. Alle Regierungen der Welt müssen sich darauf verständigen, wie bei Corona. Sie müssen die Konsequenz haben, zu sagen: So Leute, wir haben unser CO2-Budget ausgeschöpft. Das würde bedeuten: Es darf nichts mehr in die Luft geblasen werden.

Dann dürfen keine Autos mehr fahren, kein Haus mehr mit Öl oder Gas geheizt werden?

Wenn man immer weniger CO2 in die Luft blasen darf, wird es teurer. Das wird sich in der CO2-Bepreisung abbilden. Das wird das ganze Steuersystem verändern. Es wird eine gesellschaftliche und industrielle Revolution. Auch die Lebensgewohnheiten ändern sich. Corona ist da ein guter Lehrmeister.

Eine industrielle Revolution?

Ich vergleiche das mit der Textilindustrie, als sie in wenigen Jahren eingegangen ist. Ein Beispiel: Die Textilschule war lange das Herzstück der Bildung in Vorarlberg. Heute ist es die FH. Sie ist wichtig, unser wertvoller Rohstoff ist Bildung. Deshalb ist die Sache mit der europäischen Universität keine Spielerei. Das Modell würde Standorte vernetzen, Know-how ins Land holen und wir wären attraktiv für junge ausgebildete Leute.

Wieso will man das nicht?

Das sind alte Ressentiments. Man hat Angst, dass man sich kritische Geister ins Land holt, die vielleicht Widerstand leisten, vielleicht zu intellektuell sind. Früher hieß es: Mit einer Uni kommt das ganze linke Gesindel ins Land.

Wer ist „man“?

Der strukturkonservative Teil, nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der ÖVP. Am Ende geht es aber um Nachfrage am Arbeitsmarkt.

Die neuen Züge sollten seit Sommer 2019 in Vorarlberg fahren. War der Zeitplan zu straff?

Niemanden nervt es mehr als mich. Der Zeitplan war vielleicht zu straff. Aber das war eine Sache zwischen ÖBB und Bombardier. Ich hoffe, dass sie es jetzt auf die Reihe bekommen.

Ich würde mit Ihnen noch gerne über Twitter reden. Sie nutzen es ja sehr intensiv und haben jüngst gemerkt, wie schnell ein Tweet nach hinten losgehen kann, als es um die Schließung von Produktionsstätten ging.

Das war ein Beispiel dafür, wie man willentlich und wissentlich missinterpretiert werden kann. Es ging um Schulschließungen. Ich habe es in den Zusammenhang gestellt: Man kann nicht das eine tun und das andere nicht lassen, weil es irgendwie nicht mehr stimmig ist. Das war’s. Ansonsten ist Twitter ein Instrument, wo man sich ganz genau überlegen muss, was man twittert.

Steckt hinter jedem Tweet eine Taktik?

Ich mach das relativ sparsam, zum Beispiel im Vergleich zu Kurt Fischer. Ich versuche, das ein oder andere kritisch anzumerken und frage nicht in Wien nach, ob ich das darf. Aber ich werde ja wahrgenommen als Teil der innersten Grünen in Österreich mit enger Absprache zu Werner Kogler. Insofern ist die Verantwortung schon da. Ich kann nicht einfach irgendwas rausblasen.

Wie ist die Stimmung in der Bundesregierung? Lässt die ÖVP die Grünen regelmäßig auflaufen?

Die Wahrnehmung der Stimmung, die medial nach außen transportiert wird, stimmt meistens mit dem, was innen wirklich ist, nicht überein. Harte Auseinandersetzungen werden intern ausgetragen, das gilt für den Bund und fürs Land. Niemand hat Interesse, in der derzeitigen Situation eine Regierung zu sprengen. Weder die ÖVP noch die Grünen.

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