Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Sind Sie schon sattspaziert?

Vorarlberg / 26.01.2021 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Alle sind müde. Der Jänner, das Virus, der verlängerte Lockdown, die schlechten Nachrichten über neue, gefährliche Virus-Mutationen und Lieferverzögerungen beim Impfstoff. Es wird wohl alles länger dauern, als wir gedacht haben, wir brauchen alle noch mehr Geduld. Und es wird täglich härter, diese Geduld aufzubringen.
Seit Beginn des ersten Lockdowns, den alle noch richtig ernst genommen haben, ist Spaziergehen das große heiße Ding. Viel anderes durfte man ja nicht, und es tat so gut: Bewegung, Frustfress-Kalorienverbrennung, Gratis-Fitness, frische Luft, die einem das Hirn ein bisschen freiwehte: Spazierengehen macht klar im Kopf, ordnet das Gedankenwirrwarr und hilft so offenbar auch gegen Depressionen. Es kostet nichts, man braucht außer einem ordentlichen Paar Schuhe keine Ausrüstung, muss dafür nicht lang anfahren oder an einem Lift anstehen. Jedenfalls gehen seit Corona alle spazieren, reden auch gern darüber, stellen Fotos von den durchwanderten Landschaften und Innenstädten auf Instagram. Das Gehen wurde so trendy, dass man hier in Wien als stinkfauler, innerlich verwahrloster Ranzbatzen galt, wenn man bis zum Ende des Sommers nicht mindestens Dreiviertel der Wiener Stadtwanderwege absolviert hatte. Aber sind die Menschen nicht nur des Lockdowns müde, sondern auch des Spazierengehens. Schon beschweren sich erste Kolumnisten in ihren Texten über die Langeweile des stundenlangen Fuß-vor-Fuß-Setzens in den immergleichen Parks ihrer Umgebung, und sogleich wittert Twitter einen Trend und massenhaft beschweren sich dort sofort Leute über das ewige Gehen. Oje.