Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Sehr geehrter ­Mark Zuckerberg,

Vorarlberg / 20.02.2021 • 05:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

vor fünf Jahren hat der norwegische Chefredakteur Espen Egil Hansen, damals bei der Tageszeitung Aftenposten, Ihnen einen vielbeachteten offenen Brief geschrieben. Heute kann ich nicht anders, als mich in dieser Tradition an Sie zu wenden. Wir müssen über Pressefreiheit und Meinungsfreiheit reden. Vor allem die Rolle von Facebook, Ihrem angeblich sozialen Netzwerk, dem wir unseren Alltag anvertrauen – und das über die Töchter WhatsApp und Instagram auch die Kommunikation ganzer Generationen weltweit kontrolliert. Nicht nur, dass sich Verschwörungsmythen, Hass und Falschinformationen auf Ihren Plattformen millionenfach verbreiten, daran mussten wir uns gewöhnen. Nun haben Sie mitten in der größten Pandemie unserer Zeit die Nachrichten eines ganzen Kontinents abgeschaltet. Die Welt sollte das wissen.

Journalismus verboten

Wären Sie heute morgen nicht in Kalifornien, sondern in Australien, Sie könnten diesen Text gar nicht lesen, jedenfalls nicht auf Ihrer eigenen Plattform. Seit Mittwoch haben Sie es ja unterbunden, dass in Australien journalistische Inhalte auf Facebook geteilt werden können. Videos mit Verschwörungstheorien, das geht. Aber australische Nachrichten aus verlässlicher Quelle wurden allesamt von der Plattform verbannt. Die Facebook-Seiten von allen dortigen Nachrichten-Unternehmen haben Sie leergeräumt, die Inhalte von Zeitungen und Nachrichtensendungen blockiert. Wer als Facebook-Nutzer selbst einen Artikel teilen will, bekommt eine Fehlermeldung.

Eine perverse Vorstellung

wird zur Realität: recherchierter, faktenbasierter Journalismus ist verboten – Fake-News, Propaganda vervielfältigt sich weiter und gewinnt die Oberhand. Was sich in Australien abspielt, ist beispiellos für die Einmischung eines US-Tech-Giganten in eine Tausende Kilometer entfernte Gesellschaft und deren Kommunikationsströme. Diese eiskalte Machtausübung macht mir Angst, macht mich wütend.
Es geht natürlich ums Geld, ich weiß: die australische Regierung, allen voran Schatzmeister Josh Frydenberg, ist seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass diejenigen, die Inhalte generieren, dafür bezahlt werden sollen. Also australische Journalisten und deren Arbeitgeber, die Medienunternehmen. Die gesetzliche Lage in Australien sieht vor, dass Facebook und Google gezwungen sind, Nachrichtenverleger für die genutzten Inhalte zu bezahlen. Zunächst sind die Tech-Giganten aufgerufen, sich mit den Nachrichtenproduzenten monetär zu einigen, ansonsten legt die Regierung Tarife fest.
Google, dessen Angebot auch stark von Nachrichten und aktuellen Inhalten lebt, hat mit den australischen Medien eine Lösung gefunden – just am selben Tag, an dem Sie, Herr Zuckerberg, die australische Bombe gezündet haben.
Ich will nicht wahrhaben, dass – während lokale Medien sich an Auflagen von Medienbehörden und Regulierungen zu halten haben – Sie an dem allen vorbei völlig eigenmächtig darüber entscheiden, welche Dinge sich Australier gegenseitig sagen dürfen, was sie im Internet teilen dürfen.

Newsfeed ohne News

Ihre Entscheidung, Nachrichten von Journalisten aus Ihrem Newsfeed zu verbannen, ist ein Akt der Falschinformation, pure Zensur. Dies ist nur möglich, da Facebook zu einem globalen Flaschenhals geworden ist, einem einzelnen Anbieter, der die Kommunikation in einzelnen Ländern, völlig unreguliert, ausknipsen kann.
Herr Zuckerberg, übernehmen Sie gesellschaftliche Verantwortung, revidieren Sie Ihre Entscheidung und überdenken Sie diese traurige Entwicklung:
Statt Kommunikationsrevolution zeichnet sich durch Facebook ein Kommunikationskolonialismus ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eigentlich das ist, was Sie wollen.
Von Australien ist Austria zwar Zigtausende Kilometer, aber nur wenige Buchstaben entfernt. Australien kann überall sein.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.