Blutjung die Schrecken des Krieges erlebt

Vorarlberg / 31.03.2021 • 18:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Bregenzerwald hat Rudolf Haderer eine neue Heimat gefunden, wo er mit seiner Frau Ingrid auch den Lebensabend verbringt.vn/mm
Im Bregenzerwald hat Rudolf Haderer eine neue Heimat gefunden, wo er mit seiner Frau Ingrid auch den Lebensabend verbringt.vn/mm

Die furchtbaren Erinnerungen holen Rudolf Haderer (90) zuweilen immer noch ein.

Lingenau Auf seine Gehhilfe gestützt, steht Rudolf Haderer vor dem großen Fenster seiner Dachgeschosswohnung in Lingenau. Von der aus ergibt sich ein herrlicher Blick auf die Berge gegenüber. In dem auf einem Hügel gelegenen Mehrparteienhaus haben der 90-Jährige und seine Frau Ingrid ein schönes Zuhause gefunden. Ein Lift sorgt dafür, dass der ansonsten rüstige Pensionist trotz beeinträchtigter Gehfähigkeit nach draußen kann.

Ein Schicksal von vielen

Corona hat aber auch seiner Bewegungsfreiheit Grenzen gesetzt. „Ich hatte Angst“, gibt Rudolf Haderer freimütig zu. Inzwischen wurde er geimpft und fühlt sich jetzt sicherer. Für den gebürtigen Steirer ist die Pandemie jedoch nichts im Vergleich zu dem, was er erlebt hat, als er damals mit 14 Jahren in den Krieg zog. Die Erinnerungen an diese Hölle, wie er diesen Abschnitt seines Lebens heute nennt, sind geblieben, die Albträume von Blut und Panzern haben sich gelegt. „Gott sei Dank“, merkt Rudolf Haderer erleichtert an.

Vor ein paar Jahren hat er seine Erlebnisse und Gedanken dazu für sich niedergeschrieben. Lose Blätter in einer Ringmappe, die ein Schicksal von vielen aus der damaligen Zeit erzählen. Mit zwei Jahren wurde der Bub seinen Eltern entrissen und zu einer Ersatzfamilie gebracht, wo er „eine richtig gute Kindheit“ verbrachte. Sein leiblicher Vater starb mit 50 nach einer schweren Operation, die Mutter, eine Regimegegnerin von Anfang an, wie er sagt, hauste unter widrigsten Bedingungen in einer heruntergekommenen Wohnung.

Freiwillig gemeldet

Rudolf kam politisch nicht nach ihr, und er verhehlt das auch nicht. Eine Zeit namenlosen Elends, und da kam einer, der eine bessere Zukunft versprach. Der junge Rudolf wollte es glauben und meldete sich freiwillig. Irgendwann erkannte aber auch er, dass dieses Versprechen auf Blut gebaut war. Kurz vor Kriegsende wurde er, weil inzwischen als „politisch nicht einwandfrei“ eingestuft, noch einmal zum Stellungsbau eingezogen. Mit viel Glück überlebte er die, seiner Erinnerung nach, pausenlosen Angriffe durch die Amerikaner. „Die haben wirklich auf jedes Huhn und jeden Hund geschossen.“ Im Alter von 14 Jahren betätigte er selbst zum ersten Mal den Abzug. Der alte Mann schüttelt darob den Kopf. „Das vergisst man nicht mehr.“ Immer noch kommen Momente des Erinnerns. Rudolf Haderer berichtet von Albträumen, in denen er vor Panzern flüchten wollte, aber wie festgefroren war. Oft sei er deshalb mitten in der Nacht schweißgebadet aufgewacht.

Nach dem Krieg bekam der Jugendliche in Graz die Chance einer Ausbildung in der Gastronomie, zu Beginn der 1950er-Jahre verschlug es ihn dann nach Vorarlberg. „Überall wurde Reklame gemacht, wie gut man da verdienen kann“, erzählt er. Mit dem Zug fuhr Rudolf Haderer nach Bregenz, doch die Realität war eine andere, als es die Werbung versprach. Drei Monate musste er in der Bahnhofsmission schlafen, ehe er einen Job fand und Geld verdiente. Kellner, Schweißer, Textilbranche: Der Steirer packte überall mit an.

Ein Herz und eine Seele

Als Alleinunterhalter „Rolf Hardy“ tingelte er durch Lokale und erfreute die Menschen mit Schlagermusik. Oft spielte Rudolf Haderer auch für wohltätige Zwecke auf. 1986 musste er wegen eines Herzinfarkts ins Landeskrankenhaus Bregenz eingeliefert werden. Dort lernte er seine zweite Frau, die Anästhesistin Ingrid Matt, kennen und lieben. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Ingrid weiß mit dem raubeinigen Charme ihres Mannes umzugehen. Rudolf weiß, was er an seiner Ingrid hat. Er genießt den Lebensabend mit ihr, wiewohl ihn die Erinnerung an die einschneidenden Kriegserlebnisse ab und an einholt, aber er kann damit leben, auch weil er sein Tun nie verleugnet hat. VN-MM

„Die Amerikaner haben wirklich auf jedes Huhn und jeden Hund geschossen.“