Das Unaussprechliche sagen

Vorarlberg / 01.04.2021 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Martin Häusles Interpretation der Kreuzigung in einem Glasfenster des Doms. 
              
              Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek

Martin Häusles Interpretation der Kreuzigung in einem Glasfenster des Doms.

Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek

Der Karfreitag fordert zum Klagen auf, aber nicht zum Jammern.

Schwarzach Gleich unter der Kanzel im Feldkircher Dom, deren verschlungenes Dach seit 1520 den dornengekrönten Christus emporhebt, haben fleißige Hände aus Ziegeln eine kleine Mauer errichtet. Eine Klagemauer.

Der Liturgie des Karfreitags hat die katholische Kirche heuer aus aktuellem Anlass eine weitere Bitte angefügt: Die Große Fürbitte in Zeiten der Pandemie. Sie tut das nur in schweren öffentlichen Notlagen. Heuer bittet sie „für alle, die in Angst leben und füreinander Sorge tragen; für alle, die sich in Medizin und in Pflege um kranke Menschen kümmern, für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmitteln suchen, und für alle, die Entscheidungen treffen müssen und im Einsatz sind für die Gesellschaft, aber auch für die vielen, die der Tod aus dem Leben gerissen hat“.

Der Feldkircher Dompfarrer Fabian Jochum hat eine Klagemauer errichten lassen für den Karfreitag 2021. Dem historischen Vorbild in Jerusalem vertrauen unzählige Menschen dieser Tage ihre Wünsche, Gebete und Sorgen in kleinen Zetteln an, die sie in die Mauerritzen stecken. Und bei uns? Sorgen wären wohl genug vorhanden.

Die Wende

Der Karfreitag markiert in Jochums Augen den Wendepunkt im österlichen Geschehen. Der Palmsonntag – „heuer erfassen wir die Stimmung richtig“ – hat mit dem fadenscheinigen Jubel für den Messias, der da auf einer Eselin in die Stadt reitet, auch etwas Lächerliches. „Gemeinschaft, Freundschaft, Verrat, Hoffnung und Angst spiegeln sich dann im letzten Abendmahl am Gründonnerstag wider.“ Ein Abendessen kann ja Hochzeitsmahl und Totenmahl gleichermaßen sein, denn „in jeder Gefühlslage essen wir“.

Der Karfreitag aber beginnt in der Stille. Am Karfreitag beginnt Liturgie ohne einen Laut. „Das Leid lässt uns Menschen verstummen.“ Erst mühsam, tastend findet die Feierstunde eine Sprache für das, was eigentlich unaussprechlich ist. „Am Karfreitag darf gesagt werden, was eigentlich unsagbar ist.“ Wie Kinder müssen wir erst lernen, das in Worte zu fassen, was uns die Sprache raubt. Da werden die Folgen der Pandemie ganz präsent, nicht nur die Sorgen, unter denen die Erwachsenen und Alten leiden. „Es geht auch den Jungen und Kindern schlecht.“ Die Klage darüber darf sichtbar werden. „Denn nur wer klagt, hofft.“ Klagen heißt nicht jammern, betont Jochum. „Im Klagen benenne ich das Problem, möchte ich etwas ändern. Im Jammern suhle ich mich in meinem Unglück. Es führt nirgendwo hin.“

Ein Schrei

Hat der Karfreitag nicht auch den Schrei, den Schrei am Kreuz? Ja, sagt Jochum und fragt „Was tut ein Baby, das bei der Geburt raus muss aus der Geborgenheit des Mutterschoßes? Es schreit.“ Der Feldkircher Dompfarrer ist „gerade im November Onkel geworden“. Sein kleiner Neffe „schreit schnell einmal, es fehlen ihm einfach die Worte“. Auch Christus schreit am Kreuz. Aber neben diesen Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ stellt die Geschichte des Karfreitags diesen anderen Moment, Jesu letzten Satz: „Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ Dieses vertrauensvolle Gebet macht das Kreuz zum Hoffnungszeichen. TM