Die alte Sehnsucht wiederfinden

Vorarlberg / 02.04.2021 • 18:31 Uhr / 12 Minuten Lesezeit
Die Corona-Pandemie ist zu einem Synonym geworden für den Raubbau des Menschen an der Natur, der sich nun rächt. Das Glasfenster „Die Schöpfung“ von Martin Häusle zeigt, dass es auch anders sein könnte. Katholische Kirche Vorarlberg / Dietmar Steinmair
Die Corona-Pandemie ist zu einem Synonym geworden für den Raubbau des Menschen an der Natur, der sich nun rächt. Das Glasfenster „Die Schöpfung“ von Martin Häusle zeigt, dass es auch anders sein könnte. Katholische Kirche Vorarlberg / Dietmar Steinmair

Jeder Mensch trägt die Auferstehung in sich. Ostern erinnert uns daran.

Schwarzach Über dem Osten lastet die Osterruhe, der Westen übt sich in Auferstehung. Aber auch das ist ein schwieriges Geschäft. Alle müssen zusammenhalten, andernfalls scheitert das Experiment. Jubelgeheul ertönt nirgends. Am Seeufer nicht und nicht in den Restaurants. Fast hat es den Anschein, als gingen die meisten Menschen doch pfleglich um mit der wieder- gewonnenen Freiheit. Der Wiener würde sagen: Das Glück is a Vogerl. Wer nicht höllisch aufpasst, den verlässt es wieder über Nacht.

Auch die Auferstehung des Gekreuzigten atmet in den ursprünglichen Texten der Bibel keinen Jubel. „Sie wird zurückhaltend erzählt“, sagt Dompfarrer Fabien Jochum, „die Sätze handeln von Verwirrung und Angst.“ Die Frauen und Männer verstehen nicht. Sie haben ihn doch sterben sehen! Und jetzt soll er am Leben sein? Erst später werden manche der Texte neu geschrieben und überhöht, schließlich geht es hier um die zentrale Botschaft des Christentums: Die Auferstehung von den Toten. Die Kirche hat für die bedeutendste Feier im Jahr Rituale voller Symbolkraft entwickelt.

Ein Tag der Stille

Am Karsamstag erinnert sie an das Grab Jesu und die plötzliche Stille nach den turbulenten Ereignissen von Prozess, Folter und Kreuzigung. Der Karsamstag ist schweigsam. Die Kirchen stehen offen, aber Gottesdienste werden nicht gefeiert. Die Altäre wurden abgeräumt. Sie zeigen den nackten Stein. Alle Erwartungen scheinen zerbrochenen. Alles ist verstummt. Einzig der Schrei Jesu am Kreuz hallt noch nach. Offenbar sind mit Jesu Leichnam all die von ihm genährten Hoffnungen begraben worden. Aber der Karsamstag bietet auch Zeit zum Atemholen für das, was aus der absoluten Tiefe wieder hinaufführen wird ins Leben. Wenn der Priester dann das Licht der Osterkerze in das Dunkel der Osternacht trägt, ist es so weit: Dann feiern Christen den Sieg des Lebens über den Tod.

Wenn Fabian Jochum heuer mit der Gemeinde des Doms St. Nikolaus Auferstehung feiert, hat er die farbenprächtige Rosette „Schöpfung“ vor Augen, die der Künstler Martin Häusle dem Dom 1960 hat angedeihen lassen. Noch einmal geht Jochum gedanklich den Weg zurück an den Palmsonntag, der sich heuer unter dem Eindruck von Corona mehr wie die Vertreibung aus dem Paradies anfühlte als ein Triumphzug. Doch der Blick aufs Schöpfungsfenster nährt seine Zuversicht.

Sehnsucht nach dem Paradies

Zwar sieht die Erzählung der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies die baldige Rückkehr nicht vor. Spielfilme wären so, wenn sie in 90 Minuten ein Happyend erreichen müssen. „Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass wir nicht selber dem Paradies auf der Spur bleiben können.“ Dieser Weg in eine bessere Zukunft beginnt für Jochum mit dem Blick zurück an den Start. Mit einer Erinnerung. Nicht in verklärender Absicht, weil früher alles besser war. Der Blick zurück dient dazu, die ursprüngliche Sehnsucht wieder zu erlangen. Diese Sehnsucht nach einem Paradies. Nach einer Zeit, da der Mensch sich noch als Bestandteil der Natur begriff, nicht als ihr Ausbeuter oder Zuchtmeister.

Die ganze Dynamik der letzten Jahre hat diese Sehnsucht verschüttet. „Aber wir tragen sie noch immer in uns“, ist Jochum überzeugt, „so wie auch die Fähigkeit zur Auferstehung.“ Ostern ist der Moment, sich daran zu erinnern. „An diesem Fest werde ich mir dessen bewusst, was schon in mir drinnen ist, was ich nur vergessen habe“, sagt Jochum und betont: „Wir Menschen sind Stehaufmännchen, von Natur aus.“

Der Mut in uns

Der Mensch ist ein Pionier. Andernfalls kauerte er ein Leben lang auf allen Vieren. Er würde nie laufen lernen. Aber bei den Kleinkindern sind Neugierde und die Sehnsucht nach Neuem einfach größer. Deshalb richten sie sich auf. „Wir tragen den Mut zur Auferstehung in uns“ sagt Jochum und bedauert, wie sehr gesellschaftliche Normen später dazu beitragen, uns die ursprüngliche Sehnsucht abzugewöhnen. „Wir werden von Kindesbeinen an getrimmt zu entsprechen.“ Vom Elternhaus über die Schule bis hin zum Beruf. Und doch ist der Keim der alten Neugierde noch da. Er muss nur wieder geweckt werden.

„Jesus hat sich mit den Gefallenen getroffen, um sie aufzurichten“, erinnert Jochum ans Neue Testament. „Wenn er zu einem Gelähmten sagt: Steh auf, dann verwendet die Bibel dafür dasselbe Zeitwort wie für die Auferstehung des Gekreuzigten.“ Auferstehung steckt für Fabian Jochum in jedem Augenblick, „da uns bewusst wird, was uns leben lässt“. TM

Die alte Sehnsucht wiederfinden
Dompfarrer Fabian Jochum.
              
              Steinmair/Kath. Kirche Vorarlberg

Dompfarrer Fabian Jochum.

Steinmair/Kath. Kirche Vorarlberg

Evangelientexte

Osternacht: Aus dem Evangelium nach Markus – Mk 16,1-7.

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.

Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?

Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.

Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.

Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Ostersonntag: Aus dem Evangelium nach Johannes – Joh 20,1-9.

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.

Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.

Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;

sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab.

Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein.

Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen

und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.

Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.

Ostermontag: Aus dem Evangelium nach Lukas – Luk 24,13-35.

Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern Jesu auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.

Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.

Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen.

Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten.

Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen,

und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk.

Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.

Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.

Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,

fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.

Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.

Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.

Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?

Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,

aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.

Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.

Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.

Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?

Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt.

Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.

Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.