Die Osterreise des Ex-Kaisers

Vorarlberg / 05.04.2021 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Verabschiedung des glücklosen Königs am Bahnhof von Szombathely. Anno
Verabschiedung des glücklosen Königs am Bahnhof von Szombathely. Anno

1921 versuchte der letzte österreichische Kaiser die Herrschaft in Ungarn wiederzuerlangen.

Feldkirch Am 6. April 1921 passierte nachmittags ein Sonderzug den menschenleeren Bahnhof von Feldkirch. Die Gendarmerie hatte die Bahnsteige gesperrt, um Besucher von dem prominenten Gast fernzuhalten, der schon einmal, zwei Jahre zuvor, den westlichsten Grenzbahnhof Österreichs passiert hatte. Im Zug saß Ex-Kaiser Karl, in Österreich nun als „der ehemalige Träger der Krone“ bekannt, auch wenn er als Kaiser nie gekrönt worden war. Karl hatte versucht, seine Herrschaft als König von Ungarn wieder aufzunehmen, was aber gescheitert war. Zum einen war Karl durch falsche Berater und jene politische Naivität, die schon seine Regierungszeit ausgezeichnet hatte, zu einem schlecht vorbereiteten Abenteuer überredet worden. Zum anderen hatte er die Situation in Ungarn und die internationale Lage völlig falsch eingeschätzt. Karl reiste inkognito mit einem spanischen Pass durch Österreich nach Szombathely und später nach Budapest. Der dort residierende Reichsverweser Miklós Horthy, der an Karls Stelle das Königreich regierte, zeigte jedoch wenig Interesse, seinen Posten zu räumen, und Karls Anhänger waren nicht rechtzeitig über dessen Ankunft informiert worden. Gleichzeitig drohten die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien mit Krieg, sollte er als apostolischer König von Ungarn auf den Thron zurückkehren.

Krisensitzung des Nationalrates

Auch Österreich zeigte sich besorgt über die Entwicklungen im Nachbarland. Der Nationalrat wurde einberufen. In der Sitzung am 1. April 1921 hielt der Sozialdemokrat Karl Seitz fest, dass eine mögliche Rückkehr der Habsburger keine rein innere Angelegenheit Ungarns, „sondern eine Angelegenheit aller Nachfolgestaaten, ja eine Angelegenheit ganz Europas“ sei. Bundeskanzler Michael Mayr sah in Karls Restaurationsbestrebungen „eine Gefährdung der inneren Ruhe und Ordnung in unserer Republik“. Der Nationalrat nahm einstimmig eine Entschließung an, in der er sich dazu entschlossen erklärte, „die friedliche Entwicklung des republikanischen Bundesstaates gegen jede Bedrohung von außen oder im Innern zu sichern“.

Karls Ambitionen waren da bereits gescheitert. Auch das ungarische Parlament hatte seine Rückkehr einstimmig abgelehnt. Man verhandelte bereits über seine Rückreise in die Schweiz, wo er schon zuvor im Exil gelebt hatte. Dort war man bereit, ihn wieder aufzunehmen, obwohl er sich durch den heimlichen Restaurationsversuch auch bei den Eidgenossen „wenig Freunde erworben“ hatte, wie das „Vorarlberger Volksblatt“ schrieb. Seitz verlangte, dass „sich der Transport des Ex-Kaisers Karl so rasch als möglich vollzieht“. Außerdem sollte Karl nicht in Kontakt mit der Bevölkerung kommen. Das glückte in Feldkirch nur bedingt. Die Arbeiterschaft hatte sich am Bahnhof versammelt, um dem glücklosen Regenten ein musikalisches Abschiedsständchen zu bringen. Eine Kapelle spielte „Muss i denn zum Städtle hinaus“ und „Oh du lieber Augustin“. An einem improvisierten Galgen hatte man eine Puppe in Offiziersuniform aufgehängt. Karl sollte Österreich nie wieder betreten. Im Oktober 1921 startete er noch einen letzten Versuch, die Macht in Budapest zu ergreifen, indem er nach Ödenburg flog. Nachdem seine Rückkehr nach Ungarn ein zweites Mal gescheitert war und das Parlament die Absetzung der Habsburger beschlossen hatte, wurde er auf Betreiben der Alliierten des Ersten Weltkrieges auf die portugiesische Insel Madeira gebracht, wo er am 1. April 1922 an einer Lungenentzündung starb.