Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Was ist mit Vernunft und Gemeinschaftssinn?

Vorarlberg / 05.04.2021 • 22:37 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Bürgermeister sagt, die Palmweihe sei schuld, mit 2000 Teilnehmenden; der Pfarrer sagt, sicher nicht, außerdem seien es nur einige Hundert Leute gewesen und die Palmweihe ja im Freien; die 7-Tage-Inzidenz in der Kärntner Gemeinde Bad St. Leonhard im Lavanttal ist am Karfreitag auf den erschreckenden Wert von 577 hochgeschnellt – Wolfgang Fercher, Kärntner Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ beschreibt den Corona-Cluster so: „Wenn der landläufig bekannte Begriff des Palmesels eine ganz neue Bedeutung bekommt.“ Klingt alles auch wie ein ruraler Schwank, ist aber leider vor allem ein unerfreuliches Beispiel für den Mangel an Vernunft in der Ausnahmesituation, in der wir leben.

Die hehre Vorstellung vom Menschen als vernunftbegabtes Wesen wird in der Pandemie von der unerfreulichen Realität eingeholt. Rationalität und Sachlichkeit scheinen schon müde geworden, so wie viele Menschen. Und neben dem vernünftigen Umgang mit der Gefahr geht leider der Gemeinschaftssinn ebenso immer mehr verloren. Egozentrik und Egoismus, die unschönen Geschwister, überall.

Vernunft als Bindemittel der individualisierten Gesellschaft ist wohl auch in „normalen“ Zeiten mehr Wunschdenken. Doch wie weit man heute davon entfernt ist, zeigt sich ja nicht nur an irgendwelchen Corona-Partys, sondern bei den regelmäßigen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen, bei denen Tausende ohne Maske und Abstandsregeln durch Wien marschieren, unter ihnen amtsbekannte Neonazis. (Übrigens herrschte bei den Demonstrierenden vergangenes Wochenende Osterfriede, besser: Osterbequemlichkeit.)

„Rette sich, wer kann!“

Dass sich auch der Gemeinschaftssinn erledigt hat, zeigt sich an der Verniedlichung des „Vordrängelns“ in Sachen Corona-Impfung – man sollte diese Praxis als das benennen, was sie ist: Die Erschleichung eines Vorteils zum Nachteil anderer, die eine Impfung oft dringender bräuchten. Wer sich frühzeitig eine Impfung organisiert („Bürgermeistersyndrom“) oder auf Impfreise fährt, sollte sich der Auswirkungen bewusst sein, solange noch viele mit hohem Risiko warten. Denn Überraschung, Impfstoff ist überall ein extrem knappes Gut, er fällt nicht irgendwo vom Laster und geht niemandem ab. Und wenn manche ihre Termine ausfallen lassen, können andere auf der Liste nachrücken, nach der festgelegten Impf-Priorisierung – niemand muss sich einer Dosis erbarmen.

Wer heute auf den Gemeinschaftssinn pfeift, verstärkt die Tendenz, die man schon spürt: Eine „Rette sich wer kann!“-Stimmung, die gesamtgesellschaftlich eine schlechte Grundlage für alles darstellt, das uns in der Pandemie und danach erwartet. Ohne Vernunft und Zusammenhalt wird der Wiederaufbau noch viel härter werden.

„Rationalität und Sachlichkeit scheinen schon müde geworden, so wie viele Menschen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.