Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die schwarze Frau

Vorarlberg / 06.04.2021 • 19:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die schwarze Frau ist mein schlechtes Gewissen. Sie trägt keine Maske. Ich gebe ihr eine Maske.

„Nein keine Maske. Keine Luft in der Maske“, sagt sie.

„Du musst eine Maske anziehen, damit du nicht krank wirst und damit du nicht krank machst.“

Nachlässig zieht sie die Maske an.

Ich kenne die schwarze Frau schon lange. Jede Woche besucht sie mich, einmal, zweimal. Sie braucht Geld. Nicht viel. Sie muss das Geld abgeben.

Ihre Kleider werden immer größer, weil sie immer kleiner wird. Magerer. Sie wird bald verschwinden. Sie hat keinen Hunger mehr, weil sie das Essen vergisst. Die Zeit schiebt sie in den Tod.

„Alle Männer sind Verbrecher“, sagt sie. „Sie nehmen mir das Geld und wenn ich kein Geld bringe, darf ich nicht schlafen.“

Nicht alle Männer sind Verbrecher“, sage ich. „Mein Mann ist kein Verbrecher. Meine Söhne sind keine Verbrecher. Ich kenne keine Verbrecher.“

„Bei mir sind alle Verbrecher. Alle trinken. Alle schlecht.“

Sie fragt mich nach Schuhen, zeigt auf ihre löchrigen Sohlen, ob ich eine Decke habe, fragt sie. Sie friert, auch wenn die Sonne scheint. Ich gebe ihr die Decke, die früher die Kinder zum Baden mitgenommen haben, die blaue mit den Sternen. Sie legt sie sich um die Schultern. Sieht dann aus wie eine Indianerfrau auf fernen Bildern. Ich weiß nicht, wie alt sie ist. Meine Tochter sagt, die wird so alt sein wie du, aber durch das schlechte Leben stimmen die gelebten Jahre nicht mit ihrem Aussehen überein.

„Gib mir Brot. Gib mir Würfelzucker. Gib mir Schnaps. Wenn ich Schnaps trinke, werde ich nicht krank.“

„Setz dich auf die Treppe“, sage ich. „Ich mach dir einen Kaffee, Alkohol habe ich nicht.“

Nur kurz will sie sich setzen, nur kurz ausruhen, Schuhe anprobieren, die ich von den Kindern noch habe. Bergschuhe meines Sohnes passen ihr.

Ich muss nicht glauben, was sie mir erzählt, von ihren toten Kindern, von Feuer. Kein Wasser ist in ihrem Haus, die Wäsche legt sie ungewaschen ins Gras.

„Glaubst du mir?“, fragt sie.

„Nein ich glaube dir nicht. Es ist nicht notwendig, Katastrophen zu erfinden. Es genügt, dich zu sehen.“

Ich schaue ihr nach, wie sie in Richtung Bahnhof geht. Sie knickt ihre Knie und kann sie nicht mehr strecken. So schleicht sie bis zum nächsten Punkt und dann wieder zurück.

Ich lese die Zeitung. Ich lese von Kavalieren und ihren Delikten. Das Leben geht ungeachtet weiter. Vor fünf Minuten war der Himmel noch blassblau, jetzt ist er rosa, nur in der Ferne sieht man ein wenig blau.

Das Leben geht ziellos weiter.

„Ich lese die Zeitung. Ich lese von Kavalieren und ihren Delikten.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.