„Oskars Tod wird immer wehtun“

Vorarlberg / 06.04.2021 • 20:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Herr Van der Bellen ist Günther Hellrigls Gast in der „Drehscheibe“. HRJ
Herr Van der Bellen ist Günther Hellrigls Gast in der „Drehscheibe“. HRJ

Und warum Günther Hellrigl hinter Arnold Schwarzenegger her ist.

BREGENZ Oskar liegt da als ob er schliefe. Er schläft nicht. Er ist tot. Wenn sich Günther Hellrigl an jenen Tag im Herbst 1985 erinnert, an dem sein kleiner Sohn starb, überfällt ihn Traurigkeit. Obgleich der Verlust des Kindes schon mehr als drei Jahrzehnte zurückliegt, ist er das prägendste Ereignis in Hellrigls bisherigem Leben.

Heute, an einem sonnigen Apriltag, trifft man Günther Hellrigl in der „Drehscheibe“. Das Lokal ist gästeleer. Nicht ganz. An einem Tisch sitzt Alexander Van der Bellen, an einem anderen Rudolf Anschober. Werner Kogler steht an einem Fenster. Sebastian Kurz lehnt an der Theke. Die vier sind Schaufensterpuppen, über deren Gesichter Pappmasken mit den jeweiligen Konterfeis gezogen wurden. Hellrigl lässt sich neben Van der Bellen nieder. Bloß fürs Foto. Von seiner Lebensreise berichtet er lieber in einer Ecke ohne Sicht auf Politiker, die er „für das Sterben der Gastronomie“ verantwortlich macht.

Logistiker und Gastronom

Hellrigls Lebensreise beginnt am 28. Juni 1961 in Bregenz-Vorkloster. Hier wächst er mit seinen Eltern und einer Schwester auf. Hier geht er zur Schule. Die berufliche Laufbahn startet mit der Speditionskaufmannslehre bei Gebrüder Weiss. 18-jährig steigt er zum jüngsten Abteilungsleiter des Logistikunternehmens auf. Später folgen Stationen bei anderen Vorarlberger Firmen.

Im Sommer 2014 wechselt er in die Gastronomie. Mit einem Geschäftspartner übernimmt er den Strandkiosk SK 1 bei der Mili. „Nach wetterbedingt drei guten und drei schlechten Jahren gaben wir auf. Ich suchte eine neue, wetterunabhängige Lokalität.“ Er findet sie im Hochhaus neben dem Riedenburger Bahnhof und richtet dort die „Drehscheibe – Treff für Jung und Alt“ ein.

Die Eröffnung ist am 31. Mai 2019. In kurzer Zeit hat er an die 100 Stammgäste. Bis Corona da ist und der erste Lockdown verhängt wird: „Am 15. März 2020 sperrte ich zu, am 15. Mai wieder auf.“ Die folgenden Monate verlaufen gut. Dann tritt am 2. November der nächste Lockdown in Kraft. „Von da an ging’s bergab. Die vielen Öffnungsversprechnungen seitens der Regierung waren zermürbend.“ Genervt nimmt der Gastwirt an der Aktion „5 vor 12“ teil, die bundesweit durchgeführt wird, um auf die prekäre Lage der Gastronomie hinzuweisen. Am 18. Jänner sperrt er die „Drehscheibe“ für einen Tag auf – ohne Gäste – und macht gegenüber Medienvertretern seinem Unmut Luft.

Seit drei Wochen darf er wieder Gäste bewirten, natürlich unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Diese empfindet er als Schikane. Vor allem die frühe Sperrstunde, „denn um 20 Uhr geht das Geschäft in der Gastronomie erst los“. Die Zukunft betreffend schwankt er zwischen Pessimismus und Optimismus: „Es wird mühsam“, meint er, „aber ich hoffe, dass wir es schaffen.“

Die „Drehscheibe“ führt er gemeinsam mit Birgit Gächter. Die 56-Jährige ist seit acht Jahren seine Partnerin. Zuvor war Hellrigl eine Zeit lang mit der Mutter seiner drei Söhne und einer Tochter verheiratet. Alexander ist der Erstgeborene. Oskar kommt im Mai 1985 zur Welt. Er wird nur sechs Monate alt. An einem Novembermorgen finden ihn die Eltern leblos in seinem Bett. Plötzlicher Kindstod, lautet die Diagnose. „Oskars Tod hat mich ziemlich mitgenommen“, erinnert sich der Vater, der seinen Schmerz mit „arbeiten wie ein Irrer“ sowie mit Marathon, Duathlon und Triathlon kompensiert. Zudem engagiert er sich politisch bei der Männerpartei. 1987 wird Sohn Christoph geboren. Wegen Sauerstoffmangels bei der Geburt ist er mehrfach behindert. Mittlerweile lebt Christoph in einer betreuten WG der Lebenshilfe. Als im Jahr darauf Tochter Katharina ankommt, geht das Ehepaar Hellrigl bereits getrennte Wege.

Der Umweltschützer

Umweltschutz liegt ihm am Herzen. Darum startet Günther Hellrigl 2007 das Projekt Alufit: „Mit mechanischen Pressen werden Aludosen zu Dosentaler gepresst. Die werden dann eingeschmolzen und erneut zu Dosen verarbeitet. Somit wird der Wertstoff Aluminium ökologisch verträglich recycelt.“ Die Logistik wird von den Sozialorganisationen Lebenshilfe, Aquamühle und Integra abgewickelt.

„Seit zwei Jahren bin ich hinter Arnold Schwarzenegger her“, verrät Hellrigl. „Mein Wunsch ist, dass er als Werbeträger von einer Dosenpresse herunterlacht.“ Wegen Corona ist es momentan nicht möglich, zu Schwarzenegger, den Hellrigl vor Jahren bei einem Hahnenkamm-Skirennen kennengelernt hat, zu reisen. Dass er derzeit überhaupt nicht verreisen kann, „zipft mich gehörig an“. Jedenfalls wählt er als nächste Destination eine Corona-freie Insel. Oder Paraguay.

Die vielen Öffnungsversprechungen seitens der Regierung waren zermürbend.