Drogenhotspot Vorderland?

Vorarlberg / 07.04.2021 • 20:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Drogenhotspot Vorderland?
Die Meduni Innsbruck forschte zum Drogenkonsum in Vorarlberg. AP

Drogenkonsum übers Abwasser analysiert. Konsum steigt in der Krise.

Schwarzach Was ist nur im Vorderland los? Nirgendwo wird so viel Kokain und Methamphetamin konsumiert wie in Koblach, Fraxern, Klaus, Röthis, Sulz, Viktorsberg, Weiler und Zwischenwasser. Das zumindest ergibt eine Studie der Meduni Innsbruck im Auftrag des Landes. Sie durchsuchte das Abwasser von 17 Vorarlberger Kläranlagen nach Drogen. Während in Vorarlberg durchschnittlich 8,3 Portionen Kokain pro Tag und 1000 Einwohnern gezogen werden, sind es im Vorderland 14. Und 0,3 Dosen Meth pro Tag und 1000 Einwohnern im Land stehen 3 Portionen im Vorderland gegenüber. Der Abwasserbericht zeigt zudem Unterschiede zwischen ländlichen und urbanen Regionen. Seit der Coronakrise hat sich das Suchtproblem verschärft.

Alkohol und Nikotin sind die beliebtesten Drogen im Land. Ein Vorarlberger trinkt im Durchschnitt ein Glas Wein oder eine halbe Flasche Bier pro Tag. In urbaneren Regionen ist der Pro-Kopf-Konsum niedriger als in ländlichen, am höchsten ist er in den Tourismusregionen Montafon und Kleinwalsertal. “Trotzdem scheint der Tourismus keinen nennenswerten Einfluss auf den Umsatz zu haben”, heißt es in der Studie. Im Gegenzug rauche Bewohner in urbanen Regionen mehr. Durchschnittlich zündet sich jeder Vorarlberger am Tag 2,4 Zigaretten an. Auch Cannabis und Kokain sind im urbaneren Bereich stärker präsent. Der Durchschnittskonsum liegt bei 85,9 Joints pro Tag und 1000 Einwohner. Koks ist im Land ebenfalls stark verbreitet.

Drogenhotspot Vorderland?

Das Abwasser wurde im Februar 2020 entnommen, also vor dem ersten Lockdown. Seitdem hat sich die Situation verändert. Studienautor Herbert Oberacher von der Meduni Innsbruck untersuchte in Innsbruck das Abwasser danach. Der Wochenendkonsum ging zurück, Ähnliches sei in Vorarlberg zu erwarten. Philipp Kloimstein, Primar der Stiftung Maria Ebene, berichtet jedoch von mehr Anfragen in der Suchtberatung. “Der erste Lockdown hat zu mehr Alkoholkonsum geführt. Auch Cannabis ist weiterhin tendenziell steigend.”

Zulauf stark gestiegen

Es seien vermehrt Menschen aus der Gastronomie, die sich beraten lassen, sagt Kloimstein. “Ihnen ist von heute auf morgen die Tagesstruktur weggebrochen.” Auch bei anderen Berufsgruppen steige das Suchtpotenzial. Im ersten Quartal 2020 haben 141 Vorarlberger einen Kurzkontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen, im ersten Quartal 2021 waren es 221. Die Zahl der längerfristigen Behandlungen stieg von 96 auf 117, Substitutionsbehandlungen nahmen um zehn Prozent zu. “Was das Abwasser nicht abbildet, sind Spielsüchte”, fährt Kloimstein fort.

Dass Kokain beliebter wird, ist für den Primar keine Überraschung. Der internationale Trend zeige sich seit einigen Jahren. “Wir sind eine Leistungsgesellschaft.” Runterregulierende Drogen wie Heroin spielen eine immer geringere Rolle. Doch nach der Finanzkrise 2008 in Griechenland stieg der Heroinkonsum um 20 Prozent. “Nach der Coronakrise gilt es, wachsam zu sein”, warnt Kloimstein.

Drogenbestellungen online

Robert Eberharter vom Landeskriminalamt ergänzt: “Kokainkonsumenten finden sich in allen Gesellschaftsschichten: vom Schüler über die Hausfrau bis zum gut situierten Herren.” Der Konsum habe sich ins Private verlagert, bestellt wird vermehrt online. “Nicht nur im Darknet, sondern auch auf Social Media und auf Telegram.” Ist das Vorderland nun ein Drogenhotspot? “Ich hätte zum Beispiel mit Bregenz gerechnet. Das Vorderland wundert mich.” Auch Studienautor Oberacher ist das aufgefallen. “Wir haben das Ergebnis diskutiert. Mehr als spekulative Erklärungsversuche konnten wir dabei nicht finden.”

Hier geht’s zur kompletten Studie