Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Schlimmer als Impfstoffmangel

Vorarlberg / 09.04.2021 • 18:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Aufruf von Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP), sich für die Corona-Impfung anzumelden, mag diese Woche überrascht haben: Allgemeinwissen ist, dass es bisher zu wenig Impfstoff gibt; und dass vor allem Jüngere schon eine gefühlte Ewigkeit auf einen Termin warten, ohne Aussicht auf einen solchen zu haben.

Wallner spricht mit seinem Aufruf jedoch ein viel größeres Problem an: Es sind noch immer nicht genug Menschen bereit, sich impfen zu lassen. Damit es möglich werden könnte, ohne weitere Lockdowns mit Corona zu leben, müssten 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung geimpft werden. Dann könnte von einer Herdenimmunität gesprochen werden.

Von einer solchen Rate ist Österreich jedoch weit entfernt: Selbst bei den Ältesten, den ab 85-Jährigen, ist erst zwei Dritteln zumindest eine Dosis verabreicht worden, wie der Datenseite des Gesundheitsministeriums zu entnehmen ist. Das Ziel ist also nicht einmal bei dieser priorisierten Gruppe erreicht. Und das hat wohl weniger mit fehlenden Angeboten als vielmehr mit fehlender Nachfrage zu tun.

Dafür sprechen Ergebnisse von Erhebungen, die die Uni Wien im Rahmen des „Austrian Corona Panel Projects“ regelmäßig durchführt. Demnach haben bisher noch nie mehr als 47 Prozent der Befragten erklärt, sich fix oder eher möglichst bald impfen lassen zu wollen. Das ist nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Viele sind noch unschlüssig. 35 Prozent aber geben an, sich definitiv oder wahrscheinlich zu verweigern. Bleiben sie dabei, wird Österreich nie auf eine Durchimpfungsrate von mehr als 65 Prozent kommen.

Das wäre eine Katastrophe: Aus dem Ausnahmezustand, der seit 13 Monaten währt, könnte ein Dauerzustand werden, eine Infektionswelle könnte auf die nächste folgen, Lockerungen und Beschränkungen könnten einander abwechseln, je nachdem auch, wie gefährlich gerade vorliegende Mutationen sind.

Das wird jetzt kein Plädoyer für eine Impfpflicht; auch nicht für eine indirekte über einen „Grünen Pass“ oder dergleichen. Es geht vielmehr darum, dass Politik endlich aufhören muss, Vorbehalte gegen Impfstoffe zu befeuern – indem sie unterstellt, die Verteilung laufe über einen schwindligen „Basar“ (Zitat Bundeskanzler Sebastian Kurz, ÖVP); indem sie die Europäische Arzneimittelbehörde EMA unentwegt öffentlich drängt, bei den Zulassungen schneller vorzugehen; oder indem sie einen Abschluss dieser Zulassungsverfahren gar nicht erst abwartet, sondern versucht, auf eigene Faust etwa mit Russland bezüglich „Sputnik V“ ins Geschäft zu kommen: Damit könnte es zwar gelingen, den Impfstoffmangel zu lindern, der der Europäischen Kommission anzulasten ist, die Impfbereitschaft, auf die es letztlich ankommt, wird so aber nicht erhöht.

Im Gegenteil: Wenn so viel Politik im Spiel ist, ist das von vornherein dazu angetan, Misstrauen zu schüren. Und wenn dann auch noch Behörden übergangen werden, die Wirkungen ebenso seriös prüfen sollten wie Risiken, dann dient das letzten Endes überhaupt nur der Bestärkung von Impfskeptikern und -gegnern. Dann ist das ein Schuss ins eigene Knie.

„Keine 50 Prozent wollen sich impfen lassen. Das ist zu wenig für eine Herdenimmunität.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.