Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Eskalationsstufe Rot: Seid gnädiger

Vorarlberg / 12.04.2021 • 22:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Im Supermarkt öffnen die gestressten Angestellten nicht sofort auf Zuruf eine zweite Kassa, das Einkaufsvolk wird gleich laut – Frechheit, hackelts was! Auf den Social-Media-Plattformen kann man manchen Leuten täglich beim Auszucken zusehen, jene mit der einen Meinung desavouieren gerne jene mit der anderen Anschauung und umgekehrt – ich mach dich fertig! In zahlreichen beruflichen Teams wird der Ton immer rauer, weil diverse Missverständnisse und Konflikte über Video-Calls und Dauerdistanz eben schwer auflösbar sind – Du verstehst mich nicht!

Viele von uns kennen jetzt solche Alltagssituationen, in denen sich Emotion und mangelhafte Kommunikation in Aggressionsschüben entladen. Fast alle sind durch die Ausnahmesituation der Pandemie nervlich angegriffen, die einen mit erschwerten Gesundheits- und Existenzsorgen noch mehr als die anderen, denen es wirtschaftlich und persönlich gut geht. Eskalationsstufe Rot: Von Nebenschauplätzen bis hin zu grundsätzlichen politischen Debatten regiert die schnell entflammbare Wut. Und damit ist nicht die berechtigte Kritik gemeint, die man natürlich äußern soll, wenn man beobachtet, was gerade (auch im Umgang mit Corona) schiefläuft und was man künftig besser machen muss.

Ein Problem haben jetzt alle Menschen gemeinsam, von den Politikerinnen und Politikern bis hin zur Nachbarin oder zum Kollegen – und im Zweifelsfall könnte man das vielleicht auch mitdenken, ehe man sich mit Verve in jede mögliche Auseinandersetzung stürzt: Die anderen haben auch schon ein kräftezehrendes Jahr der Pandemie hinter sich, warum also nicht etwas gnädiger mit ihnen sein? Zumindest manchmal, als kleines Toleranz-Experiment.

Prügeleien lösen nichts

Das Austragen von Konflikten ist wichtig für die Gemeinschaft und die Demokratie, die Frage ist nur: Wie und in welchem Ton, agiert man konstruktiv mit dem Blick auf Lösungen oder destruktiv mit dem Blick auf die Zerstörung des Gegners? „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ – Immanuel Kants kategorischer Imperativ, der noch immer eine einfache und effiziente Grundidee für das Zusammenleben darstellen kann, geht derzeit im Emotionssturm eher unter.

Wenn Aggressionen den allgemeinen Umgang und den öffentlichen Diskurs prägen, ziehen sich die vernünftigen, zurückhaltenden Menschen oftmals lieber zurück – und das ist schlecht. Denn Schulhofprügeleien oder gar Schlammcatchen unter erwachsenen Menschen sind keine nachhaltigen Lösungsansätze für irgendetwas. Für die größte Gesundheits- und Gesellschaftskrise seit hundert Jahren sicher nicht. Und für die drohende Klimakatastrophe genauso wenig.

„Die anderen haben auch schon ein kräftezehrendes Jahr der Pandemie hinter sich, warum also nicht etwas gnädiger mit ihnen sein?“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt