Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Suppe

Vorarlberg / 13.04.2021 • 20:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Im ganzen Haus roch es nach Zwiebeln und nach der Suppe, die es gleich zu essen gäbe.

„In zehn Minuten?“, rief die Mutter, und Sofia dachte bei sich, das genügt, um mich mit Greta auszutauschen. Sie schloss leise die Haustür und rannte durch den Vorgarten. Ihre Freundin wartete schon.

Die Mädchen gaben sich die Faust.

„Wo ist er?“, fragte Sofia. „Hat deine Mutter etwas bemerkt?“

„Er ist im Heizungskeller, liegt da auf einer Decke. Mama geht nie in den Heizungskeller. Aber er kann nicht bleiben, Papa kommt am Abend.“

„Sofia“, rief die Mutter, „das Essen wird kalt!“

„Kann er zu dir ins Gartenhaus?“, fragte Greta.

Die Rede war von einem siebzehnjährigen Burschen. Er hatte die Mädchen am Bahnhof angesprochen und gesagt, nur sie könnten sein Leben retten. Er werde gesucht, und sie sollen nicht fragen.

Weil so wenig im Leben von Vierzehnjährigen passiert und weil der junge Mann so abenteuerlich gut aussah, hatte Greta angeboten: „Du kannst bei mir im Heizungskeller übernachten.“

Das war vor zwei Tagen gewesen. Greta hatte den jungen Mann, der Mischa hieß, mit Wurstbroten und Bier versorgt. Sofia war eifersüchtig. Sie wollte wissen, was die beiden miteinander redeten, ob Mischa ihr erzählt habe, warum er gesucht werde. Greta sagte, sie dürfe nichts weitererzählen, sie habe es versprochen.

Hastig aß Sofia die Suppe und verschwand dann im Gartenhaus, um das Nötige für Mischa zu arrangieren. Ihre weiche Zudecke, ihr Kopfpolster, selber würde sie die Gästedecke nehmen, als Unterlage eine durchsichtigen Folie mit Bläschen, die ihr Papa in der Werkstatt hatte, drei Flaschen Bier, eine italienische Salami, ein Baguette, frisch aufgetaut. Sie kehrte den Boden, zündete Räucherstäbchen an, die sie in die Erde einer Topfpflanze steckte. Sie würde von ihrem Schlafzimmerfenster aus auf das Glashaus schauen und sehen, wann Mischa eintraf. Sie würde am Morgen nach dem Frühstück, frisch angezogen für die Schule, ins Glashaus gehen.

Vor Aufregung schlief sie unruhig, und als sie am Morgen das Glashaus betrat, sah sie nur die Decke und dachte, er wird noch schlafen, ich störe ihn nicht.

„Was hat er dir erzählt?“, fragte Greta in der Pause, und Sofia erfand eine Geschichte. Mischa werde verdächtigt, einen Mann ermordet zu haben, aber er sei unschuldig und müsse sich so lange verstecken, bis der echte Mörder gefasst werde.

„Das hast du erfunden“, sagte Greta. „Mir hat er eine andere Geschichte erzählt, noch viel brutaler, aber ich habe geschworen, nichts zu sagen.“

Sofia lief gleich nach der Schule ins Gartenhaus, Mischa war verschwunden, es war, als wäre er nie da gewesen. Sie hatte ihm eine Tasse Suppe bringen wollen.

„Er hatte die Mädchen am Bahnhof angesprochen und gesagt, nur sie könnten sein Leben retten.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.