Zwischen Rache und Gerechtigkeit

Vorarlberg / 18.04.2021 • 05:50 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Zwischen Rache und Gerechtigkeit

Ein neues Buch zeigt die Widersprüchlichkeit dieses besonderen menschlichen Gefühls auf.

Schwarzach Rache durchdringt unser Leben, sie gehört zur Grundausstattung der menschlichen Gefühle, sie begleitet uns von der Kindheit bis ins Grab und manchmal darüber hinaus, und das auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens. Dennoch wird dem Phänomen wenig Beachtung geschenkt. Nicht zuletzt deshalb hat sich Prof. Reinhard Haller dieser spannenden Thematik in seinem neuesten Buch genommen.

Was ist Rache überhaupt?

Haller Es ist ein unglaublich widersprüchliches Gefühl. Schon wenn wir sagen, Rache ist süß, dann sagen wir doch auch Rache ist bitter. Rache ist etwas, das uns bedrückt, ein schlechtes Gewissen erzeugt, gleichzeitig aber auch etwas, das unglaublich triumphale Gefühle in uns weckt. Es ist etwas, das wir sogar schwören – ich schwöre Rache – es ist etwas, das wir Gott privilegierend zugestehen, also Gott darf sich rächen. Das gehört zum Bild des gerechten Gottes. Und Rache ist gleichzeitig etwas Diabolisches, etwas Teuflisches. Rachegefühl ist nicht fassbar.

Sie haben den Konnex zur Religion angesprochen. Im Koran wird die Blutrache geregelt, in Bibelkapiteln ist es das Auge-um-Auge-Prinzip: Wie weit spielt Rache auch in religiöse Ansichten?

Haller Der alttestamentarische Gott war auch ein rächender Gott, und in anderen Religionen ist Gott ebenfalls eine rächende Gestalt. Rache beinhaltet also durchaus etwas Himmlisches. Gleichzeitig spricht das Neue Testament auch von Feindesliebe. Generell glaube ich, dass in der Religion der Gedanke jener ist, dass Gott gerecht sein muss. Auch die Gerechtigkeit ist eine ganz wichtige göttliche Eigenschaft, zu der gehört, dass er sich rächen darf.

Welche Rolle spielt die archaische Blutrache heute in der Kriminalität?

Haller Zunächst einmal glaube ich, dass Rache auch damit zusammenhängt, dass man sich schützen will. Wenn ich den Eindruck vermitteln kann, ich bin jemand, der sich rächt, wenn ihm etwas Unrechtes geschieht, wird dies gleichzeitig ein großer Schutz sein. Man hat übrigens auch in vielen Untersuchungen nachweisen können, dass die Rache dem Selbstschutz dient. Innerhalb der Kriminaltaten ist Rache ein ganz, ganz großes Motiv, eines der entscheidenden Motive neben der Habgier und der Macht. Auch im täglichen Leben und in gesellschaftlichen Entwicklungen ist sie ein extrem wichtiges Phänomen und die Triebfeder verschiedenster Aggressionshandlungen.

Rache kann extrem befriedigend sein, vor allem nach der Ausführung. Doch dann kommt die Scham. Wieso?

Haller Genauso ist es. Wenn es um Rache geht, müssen wir uns immer die wahren Motive vor Augen halten. Es ist nicht nur, dass man dem anderen etwas heimzahlen will. Das wahre Motiv ist, dass man Gerechtigkeit wiederherstellen will. Der Mensch hat ein hohes Gerechtigkeitsempfinden. Durch die Rache versucht man, einen Ausgleich zu schaffen. Ein zweites wichtiges Motiv der Rache ist jenes, dass man den Selbstwert stärken will. Das dritte große Motiv, das bei der Rache wirkt, ist jenes des Bestrafen-Wollens. Rache erzeugt zudem eine Art Gefühlsdiffusion, das heißt, man hat, wenn man sich rächen will, ein Gefühl der Aggressivität, der Gekränktheit, der Genugtuung, aber auch des schlechten Gewissens, und von dem will man sich befreien. Rache ist am Anfang unglaublich süß, aber auf Dauer schon die Frage, ob die negativen Gefühle nicht überhandnehmen.

Es gibt, und das stellen Sie in Ihrem Buch auch fest, immer noch sehr wenig Forschung zum Thema. Warum ist das so?

Haller Das ist tatsächlich verblüffend. Rache ist ja das Thema, das Opern füllt, es ist Thema unglaublich vieler Kriminalromane, von großen Dramen der Menschheitsgeschichte. Überall spielt Rache eine enorme Rolle. Individuell aber schweigt man darüber. Da ist es etwas Schamvolles, etwas, das man verdrängt. Es gibt nur ganz wenige Arbeiten, die sich mit Rache beschäftigen, und alle haben einleitend die Feststellung: Es gibt keine Voruntersuchungen. Es wäre sehr wichtig, dass sich die Wissenschaft mehr um dieses auch gesellschaftspolitisch wichtige Phänomen der Rache kümmert.

Trifft Rache ab und zu auch die Falschen?

Haller Das glaube ich schon, denn oft sind solche Rachegefühle auch sehr unbewusst. Man weiß manchmal gar nicht genau, wofür man sich rächt. Es ist so, dass die Rache auch stellvertretend für jemand anderen ausgeübt werden kann. Denken wir nur an die ganzen Vergeltungsgräuel im Krieg, wo man sich an der unschuldigen Dorfbevölkerung gerächt hat. Aber eines muss ich in diesem Zusammenhang auch betonen. Wir sagen heute immer, wie primitiv dieses Tallionsprinzip Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn gewesen ist, aber ich glaube nicht, dass dem so ist. Damit wollte man einfach verhindern, dass es zu einem Rachezyklus kommt, in dem die Rache nämlich überdimensional wird, also stärker als der ursprüngliche Schaden, denn dann haben wir die Schiene in Richtung Blutrache gelegt, die sich über viele Generationen erstrecken kann. Rache darf nie stärker sein als der ursprüngliche Schaden. Sie müsste zumindest ein bisschen darunter liegen, wenn denn Rache schon sein muss.

Als ein Beispiel führen Sie das Flugzeugunglück in Überlingen an, wo ein Geschädigter bzw. Nachfahre eines Opfers einen Fluglotsen umgebracht hat. Auch das bringen Sie mit Rache in Zusammenhang.

Haller Das ist eines der klassischen Beispiele von Selbstjustiz. Die Rache, die der Staat stellvertretend für mich ausüben soll, geschieht nicht im richtigen Umfang. Folglich werde ich das Heft selbst in die Hand nehmen. Besondere Berühmtheit erlangte der Fall Bachmayer, wo die Mutter den Mörder ihrer Tochter erschossen hat. Ein Selbstjustizvorgehen beweist, wie wichtig Rachegefühle für den Menschen sind und wie empfindlich sein Gerechtigkeitsempfinden ist. Er ist durchaus bereit, großen Schaden für sich selbst auf sich zu nehmen, nur damit er die Rache befriedigen kann.

Die Schadenfreude ist eines der erfolgreichsten Wörter überhaupt.

Haller Schadenfreude ist nichts Schlechtes. Bei der Schadenfreude ist das Besondere, dass man sich nicht selbst exponieren muss. Man kann sich sozusagen hinter jemand anderem ins Fäustchen lachen und trotzdem das Gefühl des Triumphes empfinden. Es ist im Übrigen eine wissenschaftlich nicht geklärte Frage, ob man zum Auskosten der Rache wirklich das Gefühl haben muss, der Geschädigte weiß, wer sich gerächt hat, oder ob es genügt, wenn ihm Schaden zugefügt wird.

Sie haben 10 Vorschläge erarbeitet, wie man mit Rachegefühlen umgehen soll. Wie würden Sie diese zusammenfassen?

Haller Das ist eine sehr schwierige Frage, aber wenn Rache, dann soll sie mit Augenmaß erfolgen. Noch besser ist es natürlich, wenn man die Rache in eine positive Form umwandeln kann. Es sei überdies allen Rächern empfohlen, sich beim Ausüben der Rache immer ans Gesetz zu halten. Die edelste Form der Rache wäre natürlich das Verzeihen. Ich sage immer, vom inneren Bild her sollte man sich in die Position des Begnadigers begeben. Dadurch schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man lässt die Rache los und gleichzeitig erhöht man sich innerlich auf eine selbstbewusste Position.

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