Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

15 Minuten Menschlichkeit

Vorarlberg / 19.04.2021 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In der Retrospektive sind sie einmal kurz Heldinnen und Helden, zumindest in der Wahrnehmung des Publikums. Weil sie bei ihrem Rückzug aus der Politik für ein paar Momente öffentlich Mensch waren, ihre Verletzungen und ihre Erschöpfung gezeigt und offenbart haben, mit welchen Belastungen man im politmedialen Betrieb lebt – vor allem, wenn man in die Defensive kommt. Der nunmehr ehemalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat vergangene Woche seinen denkwürdigen politischen Abschied genommen und für seine offenen Worte jenen Respekt bekommen, der ihm zuvor in seiner politischen Tätigkeit schon meist versagt war.

Ein Phänomen, das wir zum Beispiel auch rund um die Abgänge von Ex-Grünen-Chefin Eva Glawischnig oder Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner beobachten konnten. Also nur logisch, dass sie gleich nach dem Anschober-Rücktritt als begehrte Gäste in politischen Gesprächsrunden sitzen und aus eigener Erfahrung über die Härte des Politikbetriebes diskutieren dürfen und darüber, was dieses Geschäft mit einer oder einem macht: Es ist eine ungesunde Branche, Überraschung.

Inszeniertes Menschsein

Menschsein gesteht man dem Politikpersonal gerade auch von Medien-Seite meist nur im Abgang zu, und das sollte auch nicht so sein. Davor geht es im politmedialen Spiel nie um die Menschlichkeit der handelnden Personen – wenn, dann gibt es Inszenierungen von Menschsein: Das launige Doppelinterview mit Partnerin oder Partner, hübsch bebilderte Home-Stories aus Haus und Garten, entspannte gemeinsame Wanderungen. Solche Berichte haben keinen Nachrichtenwert oder Relevanz, sie sind Infotainment. Kann man machen, wenn es ins eigene Medium passt, sollte es aber lieber nicht unter Berichterstattung verkaufen.

Das politische Ende des Rudolf Anschober erinnert wieder daran, dass Menschsein keinen Raum in der Spitzenpolitik hat. Selbst schuld, wer dort sein will, muss damit leben – so einfach könnte man es sich machen. Allerdings steht die Politik auch für diverse andere Bereiche der Arbeitswelt, ab einem gewissen Führungslevel sind sehr viele in Coaching oder Therapie (hilfreich) oder therapieren sich selbst, mit welchen Hilfsmitteln auch immer (weniger hilfreich). Nie Schwäche zeigen oder Fehler bekennen, immer die Fassade wahren, auch wenn sie schon Risse zeigt: Das ist keine gesunde Arbeitswelt. Weder für Führungskräfte noch für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Es gibt die berufliche Rolle und die Person dahinter – ein anderer Umgang auch mit Spitzenpolitikerinnen und -politikern, der dem Menschsein etwas Raum gibt, wäre jedenfalls den Versuch wert. Auf diese 15 Minuten Menschlichkeit, wenn man die Politik verlässt, könnten dann wohl alle verzichten.

„Im politmedialen Spiel geht es nie um die Menschlichkeit der handelnden Personen – wenn, dann gibt es Inszenierungen von Menschsein.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.