„Ein ewiger Teil von uns wird weiterleben“

Vorarlberg / 19.04.2021 • 16:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rainer Lasser begleitet im Sterben liegende Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Heute hält er einen Vortrag über seine Arbeit. VN/JUN
Rainer Lasser begleitet im Sterben liegende Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Heute hält er einen Vortrag über seine Arbeit. VN/JUN

Hospiz-Begleiter Rainer Lasser hält heute einen Vortrag über die Sterbe- und Trauerarbeit.

Bludenz Für Rainer Lasser ist es ein ganz besonderer Moment, wenn ein Mensch vor seinen Augen das Leben verlässt, sich für immer verabschiedet. Es habe etwas Heiliges, die letzten Atemzüge eines Menschen zu spüren. Rainer Lasser sieht es als ein „großes Geschenk“ an, wenn er in einem solchen Moment dabei sein darf. Der 52-Jährige begleitet Sterbende in der letzten Phase ihres Lebens, gibt ihnen Halt und schenkt ihnen Vertrauen, wenn sonst niemand mehr für sie da ist. Am heutigen Dienstag, 20. April, um 18.30 Uhr gibt der Hospiz-Begleiter, der das Hospizteam im Bezirk Bludenz koordiniert, einen Einblick in die Trauer- und Sterbearbeit. Seinen Vortrag dazu hält er im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gesundheit im Gespräch“ im Rathaus Bludenz.

Persönlich statt telefonisch

Seit sechs Jahren ist Rainer Lasser für die Hospizarbeit der Caritas im Bezirk Bludenz verantwortlich, koordiniert sein ehrenamtliches Team, das aus 35 Helfern besteht. Er organisiert Treffen zwischen den Ehrenamtlichen und Hilfesuchenden, ist aber auch oft selbst vor Ort, denn ein persönliches Treffen sei immer besser als ein Telefongespräch. Daher stellt er den Erstkontakt selbst her, um herauszufinden, welches Teammitglied und welche Art von Hilfe am besten zum Klienten passen. 60 bis 70 Klienten betreuen die Hospiz-Begleiter im Raum Bludenz. Die Hospizarbeit der Caritas arbeitet bei Bedarf auch mit anderen Einrichtungen und Organisationen wie dem MOHI, dem Palliativ- oder Krankenpflegeverein zusammen.

Eine Hospiz-Begleitung kann mitunter mehrere Jahre dauern, je nachdem wie ausgeprägt die Krankheit ist. Rainer Lasser begleitet Menschen, die Krebs haben oder an Demenz leiden. Im Krankenhaus beruhigen die Hospiz-Begleiter zudem stationär liegende Patienten, die kurz vor einer schweren OP stehen und ängstlich sind. Eine „wichtige Aufgabe“ ist ebenso die Unterstützung und Entlastung der pflegenden Angehörigen und des Pflegepersonals, damit auch sie sich mal eine Pause gönnen können.

Tiefgründige Fragen tauchen auf

Bei einer schweren Erkrankung werden die Menschen mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert, sagt Rainer Lasser. „Sie fallen aus ihrer Unsterblichkeitsillusion heraus“, wenn sie auf einmal bettlägerig und müde werden. Dann tauchen Fragen wie „Wer bin ich?“, „War ich glücklich?“, „Habe ich eine Seele?“ auf, die oftmals bei den Betroffenen eine tiefe Traurigkeit auslösen. Sie blicken auf ihr Leben zurück, was sie bereits erreicht und was verpasst haben, was sie bereuen und noch gerne erlebt hätten. Sie denken über verpasste Chancen nach, über die Frage „Was wäre wenn?“, über ungelebte Augenblicke. Aber auch über das Leben nach dem Tod. „Der Körper wird älter. Die Leute ziehen sich in ihre Seele zurück“, erklärt der in Gortipohl lebende Sozialarbeiter. Auch Konflikte seien bei den im Sterben liegenden Personen ein großes Thema. Damit sie in Frieden sterben können, wollen sie noch bestehende Konflikte lösen und reinen Tisch machen. Junge Menschen, die im Sterben liegen, hätten dagegen noch so viele Wünsche und Hoffnungen, die einfach unerfüllt bleiben werden.

Die Seele lebt nach dem Tod weiter

Rainer Lasser hat keine Angst zu sterben: Er glaubt fest daran, dass das Leben nach dem Tod in irgendeiner Form weitergeht. „Das spüre ich. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher“, ist er überzeugt, dass seine Seele nach dem Tod weiterlebt. „Es wird immer einen ewigen Teil von uns geben.“ Wenn er Klienten besucht, merkt er, dass sie teils anwesend und teils abwesend sind. „Sie leben wie in zwei Welten“, bis sie komplett in das Jenseits entschwinden. „Man sieht, wie sich das Leben langsam zurückzieht und nur der Körper zurückbleibt“, beschreibt Rainer Lasser die letzten Sekunden vor dem Tod.

Seelische Gesundheit wichtig

Aber solche Schicksalsschläge – und das würde auch Corona zeigen – hätten auch positive Seiten. Man konzentriere sich vermehrt auf die wesentlichen Dinge, verbringt wieder mehr Zeit mit sich selbst und der Familie und kommt zur Ruhe. „Es geht nicht ums Überleben, sondern ums Leben“, bringt es Lasser auf den Punkt. Man solle sich Zeit nehmen, sein Leben zu reflektieren, es von außen zu betrachten. Die Coronamaßnahmen machen vor allem den Älteren Angst, weiß Lasser. „Sie vermissen die Nähe, denn die Seele ist genauso wichtig wie der Körper.“ Viele Menschen würden momentan keine Hilfe von den Hospiz-Begleitern suchen, da die Regierung rät, Abstand zu den Mitmenschen zu halten. Doch gerade in Zeiten wie diesen sei es laut Lasser viel wichtiger, aufeinander zuzugehen. VN-JUN

„Die Leute vermissen die Nähe, denn die Seele ist genauso wichtig wie der Körper.“