Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ja, hallo, wo waren Sie?

Vorarlberg / 20.04.2021 • 09:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Soweit ist es gekommen. Gestern Abend rief ich bei Mama Kim an und erwartete ihren üblichen Begrüßungstext – „Ja, hallo, wo waren Sie denn so lange?“, aber der kam diesmal nicht. Mama Kim sagte „Halloooo, wie gehts!?“ auf ihre freundliche Art, und dann „Das Übliche?“. Ja, danke, das Übliche bitte, gemischtes Sushi für mich, Gemüse-Gyoza und vegetarische Maki für den Nachwuchs, wie vor ein paar Tagen schon und in den letzten Wochen und Monaten immer wieder. Mama Kim ist die Chefin des Grätzel-Asiaten, wir aßen bei ihr schon regelmäßig, als die Kinder noch im Kindergarten waren, und jetzt helfen wir uns gegenseitig durch den Lockdown. „Wir bringen!“ Danke Mama Kim, Sie retten mal wieder unseren Abend.

Die Pandemie ruiniert vollends meine Ernährungsgewohnheiten. Gerade habe ich mir wieder eine Handvoll gerösteter Erdnüsse in den Mund geworfen, um neun Uhr vormittags, praktisch statt eines Frühstücks. Dabei habe ich schon vor den Lockdowns die meiste Zeit daheim gearbeitet und sollte dabei also eigentlich ein bisschen Nahrungsaufnahmedisziplin gelernt haben. Zwischendurch funktioniert es auch immer ein paar Tage: der gesunde warme Porridge mit viel frischem Obst in der Früh, die Suppe oder der Salat zu Mittag, das gemeinsame Abendessen. Aber damals gingen die Kinder noch regelmäßig in die Schule, kamen irgendwann hungrig heim und dann gabs ein warmes Essen. Jetzt ist einmal Schule und einmal nicht, sie haben furchtbaren Hunger oder eh grad was gegessen, und nein, sie wollen jetzt keinen Salat, danke. Jeder schnägert so vor sich hin oder kocht sich was Schnelles – mag sonst noch wer Nudeln mit Pesto? – und zwischendurch versucht man, einmal alle um den Tisch herum zu versammeln und gemeinsam etwas Gesundes, Vitaminreiches, frisch Gekochtes zu essen. Oder, na gut, etwas von Mama Kim.

„Die Pandemie ruiniert vollends meine Ernährungsgewohnheiten.“

Zum Glück ist man damit nicht allein. Was ich in meinem Freundinnenkreis in der Ostregion so höre, geht es gerade vielen so oder so ähnlich, auch denen, die sonst ganz achtsam leben und diszipliniert auf sich und ihre Gesundheit schauen. Wenn einen eh kaum jemand sieht, ist es auch nicht so wichtig, wie man ausschaut und gerade eher egal, ob man zwei Kilo mehr hat, und die Wimmerl von zu viel Zucker sieht man unter der FFP2-Maske ohnehin nicht. Und der Gruppensport im körperbetonten Lycra-Outfit fällt sowieso aus. Also. Trotzdem, ich reiß mich zusammen und gehe jetzt was kochen. Und nein, heute nicht mit der Kurzwahltaste „KIM“, sondern etwas Richtiges; warm, gesund und vitaminreich. Ich will Mama Kim wieder fragen hören, wo ich so lange war. Obwohl, nach dem Lockdown ist das auch noch früh genug.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.